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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 9 · p. 399

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 9
Article
Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina
Date
1919-01-01
Page
399 (sequence 6)
Language
German
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Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina 399 von Palästina ist. Es ist eine aus dem Exil hervorgegangene Tradition. In mancher Hinsicht ist sie anormal und krankhaft Alle nationalistische Tradition und Propaganda ist in gewissem Sinn anormal. Ein Gesunder spricht nicht von seiner Gesundheit, seinem Magen, seinem Hals oder einem andern Teil seines Körpers. Und dasselbe gilt für wirklichen Nationalismus. Wir hören die Engländer nie von Nationalismus sprechen, denn sie sind vollkommen zu Hause in England. Jüdischer Nationalismus, als die selbstbewußteste nationale Bewegung, die die Welt je gesehen hat, und die um den Preis viel größerer Opfer als irgend eine andere Nationalbewegung in der Welt aufrecht erhalten worden ist, ist eine der am wenigsten normalen. Daher hat auch der Besucher, vor allen Dingen ein nichtjüdischer Besucher Palästinas, zunächst den Eindruck von einem Land, in das die Juden nicht naturgemäß gehören. Unbestreitbar gehören die meisten Juden, die man in Palästina sieht und begegnet, nicht in gleicher selbstverständlicher Weise jetzt zu dem Land, wie die Engländer zu England oder die Italiener zu Italien. Ich muß offen gestehen, mein erster Eindruck von jüdischem Leben in Palästina war der, daß die jüdische Gemeinschaft etwas ist, was ich eine Zufluchtsstätte von Anpassungsbestrebungen nennen möchte. Die Atmosphäre, in die wir gerieten, schien aus einer Anzahl von verschiedenen Gemeinschaften oder Nationalitäten zu bestehen, nur von wenig anderem zusammengehalten, als von einem gemeinsamen Interesse an der , Judenfrage". Anstatt daß der jüdische Geist seine eigensten Früchte zur Reife bringen könnte, in einer kongenialen Umgebung, der er sich eingefügt hat, und wo er harmonische selbständige Entwicklung leicht und natürlich findet, trifft man auf endlose Erörterungen der „Judenfrage" unter all ihren Gesichtspunkten, wie in der Diaspora selbst. Es gibt ohne Zweifel eine Reihe von den Juden unabhängiger Ursachen hiefür: den Waffenstillstand, Palästinas Isoliertheit, die britische Aktion usw. Aber Tatsache ist, man erwartet eine Gemeinschaft zu finden, die so im Boden wurzelt, wie die von Stratford-on-Avon zu Shakespeares Zeiten und bis auf den heutigen Tag: stattdessen findet man eine Art palästinensischen Ghettos. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einige Seiten der palästinensischen Lage lenken, wie ich sie vorfand. Es gibt wenigstens vier Subnationalitäten unter den palästinensischen Juden: die Jemeniten, die' Sephardim, die Aschkenasim und was ich die regierende Klasse nennen möchte. Und der Verkehr zwischen ihnen ist durchaus kein solcher, wie man ihn in einer durchaus demokratischen und wanderschaftskundigen Gemeinschaft erwarten würde. So wurde mir z. B. gesagt, daß kein einziger Fall von Mischehe zwischen einem Jemeniten und einer anderen Abteilung der Gemeinschaft bekannt ist, und daß es als ungeheure Ehre für eine jemenitische Familie betrachtet werden würde, wenn eine solche Verbindung sich vollzöge. Ferner hörte ich, daß die gleiche Arbeit in verschiedener Weise entlohnt wird, je nachdem Jemeniten, Aschkenasim oder sephardische Juden sie leisten. Die Jemeniten klagten darüber, daß, trotzdem sie die besseren Arbeiter sind, jene Mitbürger höhere Löhne bekommen, weil d*e Jemeniten als bloße Holzhauer und Wasserträger angesehen werden. Ich war empört, in Tel Awiw in Steinwurfsweite von einer der verkehrsreichsten Straßen nach dem Meer eines der übelsten Quartiere zu finden, die ich je gesehen habe. In der Mehrzahl der jüdischen Kolonien hatte ich den Eindruck

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