Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 397 (sequence 4)
- Language
- German
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Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina 397 wir alle diesen Worten beistimmen, aber ich empfinde gleichzeitig, daß diese Art, an das Problem heranzugehen, zu einem etwas gefährlichen Mystizismus führt. Es ist mehr die britische Art, das Problem anzusehen, als die jüdische. Es heißt sich darauf verlassen, daß die Dinge von selbst recht werden. Aber Dinge werden nicht von selber recht in dieser Welt, nicht einmal in der britischen Welt. Sie sind es z. B. in Irland auch nicht geworden. Sie haben durch ernstes Denken und Politik in die rechten Wege geleitet zu werden, und wir müssen eine entschlossene Politik für Jüdisch-Palästina ersinnen, und'ganz besonders, meine ich, müssen wir eine entschlossene Erziehungspolitik finden. Das Problem des jüdischen Lebens in Palästina ist ein weit schwierigeres, als ich es mir dachte, ehe ich hinging. Es erinnert mich daran, wie ich einmal beim Baden auf ein Stück Glas trat und eine Sehne meines Fußes zerriß. Die beiden Enden standen weit voneinander, aber ein geschickter Chirurg zog sie und band sie aneinander, so daß sie nach einigen Wochen wieder zusammengewachsen waren und die Wunde geheilt. Eine ganz ähnliche chirurgische Operation müßte gemacht werden, um die Juden mit Palästina wieder zu vereinigen. Zweitausend Jahre waren die Juden von Palästina weg; vieles hat sich in der Zwischenzeit ereignet; sie zurückzubringen ist nicht leicht und verlangt eine große Geschicklichkeit, Lassen Sie uns einen Augenblick die zwei Seiten des Problems betrachten. Palästina ist nicht mehr das Land, das es war, als es die Juden verließen. Vor allem ist es fünfzehnhundert Jahre lang von einer schlechten Regierung ausgerodet, verwüstet und in jeder Beziehung entstellt worden. Dann wurden neue Mittel gesucht, die Produktion wieder zu heben. Früher gab es keine Orangen, niemand forschte im Toten Meer nach wertvollen Mineralien, niemand hat nach Öl gegraben. Eisenbahnen und andere Verkehrsmittel haben die ganze wirtschaftliche Außenseite des Landes verwandelt, viele neue Märkte für palästinensische Produkte sind nun vorhanden. Palästina wird ein größeres Land werden, als es in alten Tagen gewesen ist. Niemand, der auf den Hügeln gestanden hat oder auf der Westseite des Jordan und hinübergeschaut hat auf das Gebiet auf der anderen Seite und dann zu den jüdischen Pionieren der jüdischen Niederlassungen, wird annehmen, daß die Tatkraft dieser Ansiedler sich auf die westliche Seite beschränken wird. Jüdisch-Palästina wird sich bis zur Wüste erstrecken. Es wird haben, was Amerikaner „eine bewegliche Grenze" nennen. Amerikanische Geschichtsschreiber haben die Geschichte des amerikanischen Festlands geschrieben von der Zeit der ersten britischen Niederlassungen bis zu der Aufsaugung des letzten Staates durch die Vereinigten Staaten; sie haben davon als von dem Marsch der Pioniere nach Westen über das Festland geschrieben. Wenn man mit den jüdischen Pionieren spricht, so erkennt man, daß sie sich genau vor demselben Problem stehend fühlen. Es ist ausgeschlossen, daß jüdische Kulturarbeit dauernd an irgend einem künstlichen Punkt aufhören und daß hinter diesem Punkt nomadisierendes oder Kaffernleben beginnen sollte. Es ist ebenso unmöglich auf der Karte eine Grenze westlich von der Wüste zu ziehen, als es unmöglich wäre, daß das Mississippital oder die Rockey mountains oder irgend ein Ort, der nicht am Stillen Ozean liegt, eine Grenze bilden könnte. Welche Grenze immer auf der Karte gezeichnet wäre — und ich hoffe und glaube, daß es eine gute Grenz-!inie wird, — wir müssen annehmen,, daß das jüdische Heimatland sich