Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 396 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101159-3104850--3525-3104880- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
396 Alfred E. Zimmern: pflege und Vegetation, so wird man erkennen, daß die Juden bereits in einem hohen Grad das Land regieren — mehr Dienste leisten und mehr Arbeit tun als die nominellen Leiter. Dieses Streben und Mühen ist von großer Wirkung auf alle Bewohner des Landes — Hunderte von Arabern lassen sich in den jüdischen Kliniken und Spitälern behandeln, und die günstigen Resultate beschränken sich nicht nur auf die körperliche Sphäre. Solche Arbeit ist von ungeheurem Wert, weil sie den Abgrund zwischen den beiden Rassen überbrückt und das jüdische Programm in seinem wahren, zivilisierenden Lichte zeigt. Ich möchte noch etwas über die arabische Frage beifügen. Palästina verspricht in der Zukunft etwas wie Südafrika zu werden. Südafrika ist ein Teil des britischen Reichs und hat seinen Wohlstand wesentlich den Engländern zu verdanken. Aber es hat auch eine Buren-Bevölkerung und eine Kaffern- Bevölkerung. Die Buren sind etwas zahlreicher, die Kaffern sind wesentlich zahlreicher als die Engländer. Die Analogie stimmt nicht genau, aber ich vermute, daß Palästina in ähnlicher Weise ein Teil der jüdischen Welt werden wird, trotzdem ein großer Teil seiner Einwohner, die Araber, zu einer nichtjüdischen Rasse gehören werden. Die arabischen Fellachen sind gegenwärtig ungefähr auf gleicher Höhe wie die Kaffern; aber durch Erziehung könnten sie in verhältnismäßig kurzer Zeit auf ein europäisches Niveau gebracht werden. Sie sind nicht bleibende Kaffern. Sie würden auf die Höhe der Buren kommen, in die Position, ein Stamm zu sein, dem verwandt, der die hauptsächlich treibende Kraft dem Lande liefert. Ich hoffe und glaube, daß sie später Staatsmänner von Bedeutung dem öffentlichen Leben in Palästina schenken werden, und daß diese Staatsmänner zusammenarbeiten werden mit den Juden in dem Geist, in dem General Botha und Generai Smuts mit den Briten gearbeitet haben. Auf der intellektuellen Seite erhoffe ich mir ein ähnliches Einverständnis. Das ist meine Zukunftshoffnung in der arabischen Frage. Meiner Ansicht nach kann niemand, der sich für die Zukunft der Juden interessiert, zugeben, daß Palästina ein Sklavenstaat wird — ein Land, wo die harte und unangenehme Arbeit beständig einer untergeordneten Rasse anvertraut ist. Nun wende ich mich zu den Aussichten des jüdischen Lebens in Palästina. Was erhoffen wir uns davon? Ich glaube, wir neigen zunächst dazu, wenn wir Palästina von hier oder von Amerika aus ansehen, die Beziehung der Juden zu Palästina als einen gewaltigen Roman aufzufassen, als den größten Roman der Weltgeschichte. Hier ist das Land, das zweitausend Jahre lang seiner natürlichen Einwohner beraubt war, des Volks, das zu ihm gehört, und hier ist dieses Volk, das zu ihm gehört, nach zweitausend Jahren bestrebt heimzukehren und befähigt heimzukehren. Es mutet uns an, wie das Ende eines Märchens, wo die beiden liebenden zusammenkommen und für immer glücklich miteinander sind, oder wie die Erkennungsszene in einer griechischen Tragödie, wenn Orestes heimkommt und seiner Schwester um den Hals fällt. Wir sind sehr versucht zu meinen, daß alle Schwierigkeiten behoben sein werden, wenn die Juden nur nach Palästina kommen können. Zum Beleg für diese Überzeugung möchte ich ein paar Worte anführen, die mein alter Freund Sacher mir in einem Privatbrief schrieb, ehe ich abreiste: „Ich glaube an das jüdische Volk und das jüdische Land und vertraue darauf, daß der Genius beider das Rätsel schließlich lösen wird." In einem gewissen Sinn stimme ich bei, müssen