Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ruppins Aufbauplan
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101159-3104849--3519-3104876- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
392 Adolf Böhm: Es wird von der Schutzmacht abhängen, ob sie einen derartigen Kongreß als Sachwalter des jüdischen Volkes anerkennen wird. Die andere Frage ist die, ob die zionistische Leitung dies anstreben oder ob die zionistische Organisation, die ja bisher dieser Gestor war, in der jetzigen Form beibehalten werden soll. Es scheint allerdings, daß der Unterschied nicht groß wäre, da an der Wahl zu -einem nächsten Zionistenkongresse ohnehin die Mehrheit der Juden sich beteiligen wird. Ein allgemeiner Kongreß hätte den Vorteil, daß er zur Folge haben könnte, daß sich in den einzelnen Ländern an der Wahlbewegung tatsächlich die Gesamtjudenheit beteiligen und das Interesse am Zionismus dadurch in alle Schichten getragen werden würde. Dies wäre von großer Bedeutung, weil der Zionismus dringend den Zustrom neuer intellektueller Kräfte braucht. Es würden dann in der Folge die jüdischen Landeskongresse eine ständige Einrichtung werden, womit endlich das Forum einer wirklichen „jüdischen Öffentlichkeit", auf die eingewirkt werden könnte, geschaffen sein würde. Daß dies mit der Zeit unweigerlich zu einer immer stärkeren Nationalisierung des Gesamtjudentums führen müßte, ist sicher. Bezeichnend ist dafür die Entwicklung in Amerika, wo der allgemein jüdische Kongreß nicht nur die zionistischen Palästinaforderungen akzeptiert hatte, sondern dessen Vertreter, vor allem der nichtzionistische Louis Marshall, auch für die Durchsetzung der nationaljüdischen Forderungen im Galuth energisch gewirkt haben. Es ist jedoch zu bedenken, daß der Prozeß der Zionisierung der Juden, die bisher der Bewegung ferngestanden haben, wenn auch durch die Landeskongresse für sie erst der Boden geschaffen würde, immerhin Zeit braucht. Die Durchführung der zionistischen Pläne, angefangen vom unmittelbar bevorstehenden Abschluß der Verhandlungen, kann auf diese Entwicklung nicht warten, um so mehr als die Einberufung eines erstmaligen alljüdischen Weltkongresses mangels der nötigen Präzendenzfälle (Amerika ausgenommen) sehr mühsame und langwierige Vorarbeiten erfordert. Die zionistische Organisation ist dagegen als Sachwalterin des jüdischen Volkes anerkannt, sie ist völlig intakt, ihre in jahrzehntelanger Arbeit und Erfahrung geschulten Kräfte können nur in geringem Maße schnell durch neu gewonnene verstärkt werden, so erwünscht auch eine Auffrischung wäre. Die nötige einheitliche Willensbildung kommt auf den Zionistenkongressen relativ leicht zustande, da die Probleme in Zeitungen, Vereinen, Gruppen und Landeskonferenzen usw. unendlich oft diskutiert worden sind, der ganze Apparat vorhanden ist, die aus verschiedenen Himmelsgegenden zusammenströmenden Menschen einander kennen, die Kräfte der Fraktionen bekannt sind usw. Dagegen würde es wohl lange Zeit brauchen, bis der jüdische Weltkongreß all dies nachholen würde, was in fast 25 jähriger Arbeit für die zionistischen Kongresse, die ja nur Menschen vereinen, welche von vornherein auf dem Boden des gleichen Grundprogramms stehen, erreicht wurde. Es ist weiterhin klar, daß infolge der Ereignisse bei der Ausschreibung von Wahlen zum nächsten Zionistenkongreß die Mehrheit der Judenschaft sich zu ihnen drängen und der Kongreß ihr Ausdruck sein wird. Es wird daher wohl das Naheliegendste sein, zunächst die zionistische Organisation als Sachwalterin des jüdischen Volkes in der Palästinafrage so wie bisher aufrechtzuerhalten; durch die zu gewärtigende rasche Zionisierung der Judenheit wird der Übergang zu einer all jüdischen Weltorganisation sich bald von selbst ergeben. Noch bevor ein Kongreß zustande kommen kann, muß die Frage gelöst