Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ruppins Aufbauplan
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 390 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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390 Adolf Böhm: Nationalisierung des Bodens eintreten wird: daß das Spendenkapital entsprechend höher, das Ansiedlerkapital niedriger veranschlagt werden muß, nicht von vornherein als eine Erschwerung der Ansiedlung anzusehen. Es darf auch nicht übersehen werden, daß der Nationalfonds, genau so wie private Bodenbesitzer, seine Böden belehnen lassen kann, wodurch der Geldbedarf für Spendenkapital wesentlich verringert werden würde. Die schwierigen Fragen, die dabei, angesichts der Vergebung des Bodens in Erbpacht, entstehen würden, zu erörtern, würde hier zu weit führen. Das Kapital für die Institute, die ja Geschäftsunternehmungen sind, wird relativ am leichtesten aufgebracht werden, doch darf man nicht vergessen, daß nach der ungeheuerlichsten Kapitalszerstörung, die die Welt gesehen hat, der Bedarf an Kapital und der Wettbewerb darum ein noch nie dagewesener sein wird. Alles in allem genommen, geht aus diesen Betrachtungen hervor, daß die Vorstellung der Maximalisten, daß Geld in jeder erwünschten Menge zu haben sein wird, eine völlig irrige ist. So wie der Boden noch nicht für uns bereit fliegt, sondern erst erworben und vorbereitet werden muß, so wie die Menschen erst zur Landarbeit in Palästina erzogen werden müssen, so ist auch das Kapital nicht in jeder beliebigen Menge vorhanden und für uns greifbar. Gegenüber den Vorstellungen der Maximalisten, daß Industrie und öffentliche Arbeiten allein imstande wären, raschest Hunderttausenden Erwerb zu geben, setzt Ruppin seine nüchternen, sachlichen Bedenken. Er rechnet durch, wie viel Arbeitskräfte für die zunächst auszuführenden öffentlichen Arbeiten benötigt werden, und kommt zu sehr niedrigen Ziffern. Bezüglich der Industrie, die ja auf dem Weltmarkt konkurrieren müßte, findet er nur begrenzte Möglichkeiten. Es ist übrigens ganz müßig, darüber zu streiten, denn auf industriellem Gebiete werden die vorhandenen Chancen stets sehr schnell erkannt und genutzt werden. Über die soziale Frage äußert sich Ruppin in knapper und prägnanter Form. Sein Gedanke, daß die palästinensische Entwicklung in hohem Maße von jener in der übrigen Welt abhängig sein wird, ist in gewisser Hinsicht mit dem anderen in Widerspruch, daß wir uns nicht nach europäischen Vorbildern richten können, da wir uns in einer Übergangszeit der sozialen Formen befinden. Er lehnt jedenfalls alle auf irgendeinem Dogma fußenden Pläne ab und betont, daß alles, was jetzt geschieht, nur Übergang sei. Bei einem solchen könne nicht doktrinär vorgegangen werden. So dürfte man nicht von vornherein Elemente, die nicht selbst arbeiten, abweisen, da sonst ältere und bemittelte Siedler ausgeschlossen sein würden, indes gerade für sie der Pflanzertypus ein sehr geeigneter wäre. Zu einer Sozialisierung seien in Palästina nur die Verkehrsunternehmungen reif, im übrigen dürfe man im Anfang nicht den Spürsinn des privaten Unternehmers ausschalten. Auf diese Fragen kann in diesem Referat nicht ausführlich eingegangen werden, sie erfordern eine gesonderte Behandlung. In bezug auf die Nationalisierung des Bodens wünscht Ruppin eine Ausnahme für diejenigen landwirtschaftlichen Siedler, die sich verpflichten, den privat gekauften Boden nach 25 Jahren dem Nationalfonds zum Schätzwert zu überlassen. Ohne die Gewinnchance eines Wertzuwachses würden viele bemittelte Leute das sehr große Ansiedlungsrisiko nicht übernehmen. Dagegen hat schon Dr. Auerbach eingewendet, daß die Nationalisierung durch Wegfall der Summe für Bodenankauf für jeden Siedler eine Erleichterung schafft, die