Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ruppins Aufbauplan
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101159-3104849--3514-3104871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ruppins Aufbauplan 387 können wird, keine direkte Antwort, da er es ablehnt, den Propheten zu spielen. Um aber die Unterlage für die Berechnungen des Erfordernisses an Institutionen und der Mittel für diese zu schaffen, stellt er eine beispielsweise Berechnung an. Dieser Vorgang unterscheidet seine Methode vorteilhaft von jener der maximalistischen Projektenmacher, die nur so „ungefähr" angeben: es werden Hunderttausende Platz haben, in den und jenen Erwerbszweigen. Ruppin rechnet präzis und genau, er berücksichtigt alle realen Faktoren. Er geht vom Stande der bisherigen Kolonisation aus und bezeichnet es als Ziel, den Juden im Verlauf einer Generation die Mehrheit im Lande zu verschaffen. Dies hält er für durchaus möglich. Er veranschlagt, etwas abweichend von Oettinger, daß in diesen dreißig Jahren 6000 Großpflanzer, 24000 Pflanzer, 30000 Bauern (100 Dunam), 30000 Kleinsiedler (15 Dunam) und 30000 Häusler (10 Dunam) angesetzt werden könnten. Wie die Kritik schon hervorgehoben hat, ist es vielleicht zu weit gegangen, wenn Ruppin Großpflanzer mit 200 Dunam unbewässertem (oder 70 Dunam bewässertem) Boden ansiedeln will. Wozu diesen Typus schaffen, wo es gilt, möglichst viel Menschen, namentlich kleine Pflanzer, auf der beschränkten Bodenfläche anzusiedeln! Wenn jedoch der betreffende Kritiker (Dr. Elias Auerbach, „Jüdische Rundschau" Nr. 57) auch den Typus des Siedlers mit 100 Dunam eliminieren will, so hat Oettinger in seinem bekannten Büchlein die Vorteile einer solchen Wirtschaft dargelegt. Im Momente, wo diese eine derartige Intensität erreichte, daß ständig bezahlte Arbeiter nötig wären, könnte und müßte eine Besitzteilung eintreten. Jedenfalls ist das Schema Ruppins nur ein beispielsweises und es wird im Laufe einer Generation wohl möglich sein, durch ständige Intensivierung der Bebauung eine größere Zahl von Kolonisten anzusetzen, als er annimmt. Nach den von Ruppin angestellten Berechnungen würde es, um das Ziel, die jüdische Mehrheit im Lande im Laufe von 30 Jahren zu erlangen, genügen, wenn in den ersten Jahren je 2000 Familien landwirtschaftlich angesiedelt werden würden, was mit Hinzurechnung der im Handel, Gewerbe, Industrie, öffentlichen Arbeiten beschäftigten Menschen im ersten Jahrzehnt die Zahl von 300000 ergäbe. Im zweiten könnte die doppelte, im dritten die dreifache Zahl angesiedelt werden. Schon am Ende des zweiten Jahrzehnts würde mit Hinzurechnung des Nachwuchses und der schon im Lande befindlichen Juden die Gesamtzahl über eine Million ausmachen. Ist dies wirklich eine „minimalistische" Rechnung? In ein Land mit so unentwickelten Produktionsbedingungen in 20 Jahren 1 Million Menschen zu bringen und sie produktiven Berufen zuzuführen und zwar solchen, für die sie keine Erfahrung und keine spezielle Eignung besitzen, das wäre eine beispiellose Leistung. Gewiß sind auch diese Ziffern für Ruppin nur eine Illustration, und wenn eine Steigerung möglich sein wird, so wird er dies nur begrüßen. Wenn aber die Maximalisten fortwährend mit den sicher vorhandenen ungeheuren potentiellen Möglichkeiten des Landes operieren, ohne konkret zurechnen, so tut es förmlich wohl, bei Ruppin die vollkommene Durchrechnung seines Beispieles zu finden. Der Landbedarf für das von ihm aufgestellte Schema wird mit ca. 600000 ha geschätzt, d. h. etwa ein Drittel des anbaufähigen Bodens. Es ist kein Zweifel, daß auf dieser Fläche bei intensivster Wirtschaft eine viel größere Zahl von Siedlern angesetzt werden könnte, als Ruppin veranschlagt Aber wenn ihm die Maximalisten dies vorhalten, so vergessen sie, daß man mit der höchsten In- 25*