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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 9 · p. 386

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 9
Article
Ruppins Aufbauplan
Date
1919-01-01
Page
386 (sequence 2)
Language
German
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386 Adolf Böhm: Kerns des Problems, wie es nur die Intuition vermag; von dieser zentralen Position aus, also von innen heraus, wird der Stoff gegliedert und aufgereiht. Das Werk Ruppins wirkt deshalb, wie seine früheren Arbeiten, obzwar es auf streng wissenschaftlicher Grundlage beruht, und in den Entscheidungen, die er über alle in Fluß befindliche Fragen trifft, von einer seltenen Ausgeglichenheit des Urteils zeugt, wie ein Kunstwerk. „Wer teilt die fließend immer gleiche Reihe belebend ab, daß sie sich rhythmisch regt?" — an dieses Dichterwort wird man erinnert, wenn man Ruppins Werke, auch dort, wo sie den scheinbar trockensten Stoff behandeln, liest. Der Form entspricht der Gehalt. In all den Meinungsstürmen, die nun, da der Aufbau Wirklichkeit werden soll, die zionistische Gedankenwelt durchtoben, wird das Werk Ruppins stets wie ein Leuchtturm aufragen, der den Weg zur sicheren Fahrt weist. Seiner hohen Verantwortlichkeit bewußt, verläßt Ruppin in seinen Untersuchungen nie den festen Boden der Erfahrung. Das Problem der Siedlung faßt er deshalb als eine Weiterführung der bisherigen Kolonisation in bedeutend vergrößertem Maßstab und mit Einführung eines nun durch die Verhältnisse möglich gewordenen Systems auf. Dies soll nicht so verstanden werden, daß er bisher in Palästina ohne ein solches gearbeitet hätte. Vielmehr drängt sich dem, der rückschauend seine Arbeit im Lande seit 1908 mit dem vergleicht, was damals, als er das Palästinaamt in Jaffa schuf, an jüdischen Positionen vorhanden war, die Erkenntnis auf, daß diese Arbeit es war, welche heute ein systematisches Weiteraufbauen möglich macht. (Näheres ist hier in dem Aufsatz „Jüdische Positionen in Palästina", I. Jahrgang, Seite 93ff. gesagt worden.) Dieser Gedanke, daß das Problem von den Gegebenheiten aus betrachtet werden muß und nicht von abstrakten Gesichtspunkten und Berechnungen, unterscheidet das System Ruppins von dem Ballods und seiner Nachahmer. Er sagt darüber: „Jeder Plan ist zum Mißlingen verurteilt, der ohne Berücksichtigung der bisherigen Erfahrungen einfach das theoretisch beste technische Schema aufstellt und dann die Juden in dieses Prokrustesbett hineinzwingen will. Man muß im Gegenteil von den Juden ausgehen und ihnen das Kolonisationschema anpassen". Ein zweiter Grundgedanke des Werkes, der gleichfalls die maximalistischen Phantasien in richtiger Beleuchtung zeigt, ist derjenige, daß „Palästina nur so viele Menschen aufnehmen kann, als seine Wirtschaft in Konkurrenz mit anderen Ländern lohnbringend zu beschäftigen imstande ist". Demgegenüber vertreten die Maximalisten bekanntlich den Standpunkt, daß, je größer die Zahl der in einem Lande befindlichen Menschen, desto höher seine Produktivität und daher seine Aufnahmsfähigkeit sei. Dieser Satz ist eine Scheinwahrheit. Er stützt sich auf die, besonders von Oppenheimer gegen Malthus verwendete Tatsache, daß die Verdichtung der Menschenzahl zu einer Intensivierung der Produktion und daher zu einer Steigerung der Ergiebigkeit der Wirtschaft führt. Aber dies gilt nur relativ, im Vergleich zu einer schon vorhandenen Produktion, der erreichten Wirtschaftsstufe und dem Tempo der Vermehrung. Käme es nur auf die Zahl der Menschen an und nicht auf die rechtlichen, ökonomischen, sozialen und technischen Produktionsbedingungen, so gäbe es Krisen, keine Auswanderung usw. Ruppin gibt deshalb auf diejenige Frage, welche die Gemüter am meisten beschäftigt: wie viele Menschen Palästina in den nächsten Jahren aufnehmen

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