Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Das jüdische Proletariat in den Vereinigten Staaten
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 276 (sequence 2)
- Language
- German
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276 Daten und Materialien talistlschen Entwicklung ungünstigen Sachlage hat sich gerade in der „jüdischen" Industrie ein gewerkschaftliches Leben von ungeheuren Öimensionen entwickelt« Als die vom amerikanischen täöngfeÜ eingesetzte Immigration ßdhinlission im Jahre 1912 ihre großartigen Forschungen in 42 Bänden niederlegte, da wandte sie auch diesem Gebiet eine besondere Aufmerksamkeit zu. Auf Grund von eingehenden Forschungen kam sie dann zu folgendem Resultat: „In Wirklichkeit (practically) sind 36% aller Arbeiter der Kleiderindustrie in der Stadt New York organisiert, und von Zuschneidern (Cutters) erreicht die Zahl der organisierten Arbeiter sogar 80% aller Arbeiter dieser Berufe." (Reports of Immigration Commision B. 11, Seite 388.) So war es zu Anfang 1910, zu einer Zeit, da im allgemeinen im Lande nur 25% der Arbeiter organisiert waren. Einen anderen Beweis für die gewerkschaftliche Kampffreudigkeit der jüdischen Arbeiter liefern die Daten über die Streikbewegung. Folgende Zahlen für die Jahre 1887 bis 1905 mögen dies illustrieren. An Streiks nahmen die Arbeiter und Arbeiterinnen in folgendem Verhältnis teil: t a icf * V°n den männ- Von den weibinausrne liehen Arbeitern liehen Arbeitern Damenkleiderindustrie 86,94% 62,11% Herrenkleiderindustrie 81,84% 43,°6% Alle Industrien gesamt 44,91% 28,15% Auf Grund dieser Angaben des 2ist Annual Report of the Commissioner of Labor, Seite 90—91, sehen wir, daß die Arbeiter in der Kleiderindustrie doppelt so viel Streikende als in anderen Industrien zählten. Dazu kommt noch hinzu, daß die Ausstände in den anderen Industrien bei weitem nicht so organisiert waren, wie in der Kleiderindustrie. Während die Zahl der unorganisierten Streiks in der Männerkleiderindustrie nur 10% der Gesamtzahl, in der Damenkleiderindustrie nur 16% betrug, erreichte sie in allen Industrien 31%. Nicht minder interessant und kennzeichnend ist das Verhältnis in den Löhnen zwischen den verschiedenen Einwanderungsgeschichten, die nach Amerika kommen und in der Kleiderindustrie beschäftigt sind. Eine Tabelle über die männlichen Einwanderer von 18 Jahren und darüber (während der ersten fünf Jahre nach ihrer Niederlassung) ergibt für die Kleiderindustrie folgende Zahlen: Von der Gesamtzahl der in der Kleiderindustrie beschäftigten Eingewanderten erhalten: Unter Von Doli. Über Nation Doli. xo.~ 10—15 IS Doli. Wochenlohn in Prozenten Nichtruss. Juden 33,9 42,2 23,9 Russische Juden 39,i 39,9 21,0 Russen 35,3 46,8 17,9 Litauer 40,2 49,8 10,0 Norditaliener 45,3 45,3 9,4 Süditaliener 57,6 33,9 8,5 Deutsche 40,0 5i,4 8,6 Polen 37,4 54,1 8,5 Czechen-Mähren 35,5 57,o 7,5 Diese Tabelle beweist, daß die Juden in bezug auf Arbeitslöhne keineswegs hinter den andern Einwanderermassen stehen, sondern im Gegenteil alle übertreffen. In demselben Bericht dieser Kommission wird erklärt, daß die russische Jüdin im Durchschnitt mehr als alle ihre Konkurrentinnen verdient. So betrug der mittlere Wochenverdienst bei der russischen Jüdin nur 7,41 Doli. Wie wenig es aber auch sonst den Tatsachen entspricht, daß die osteuropäischen Juden nicht geneigt seien, den Gewerkschaften sich anzuschließen, kann man schon aus dem ständigen Fortschritt ihrer Teilnahme an der American Federation of Labor sehen. Die International Ladies Garments Workers Union verfügte auf der Konvention der Federation im Jahre 1910 nur über 187 Stimmen, auf der Konvention von 1913 bereits über 788 Stimmen (in drei Jahren eine Steigerung um das Vierfache), und dürfte jetzt bereits über 1000 Stimmen haben. Desgleichen hat der Verband der Arbeiter in der Herrenkleiderindustrie auf der Konvention von 1913 über 585 Stimmen verfügt, so daß auch daraus hervorgeht, daß er etwa 60 000 Mitglieder zählte (jedes organisierte Hundert zählt eine Stimme). Die Macht der jüdischen Arbeiterorganisationen trat auch in den gegenseitigen Beziehungen zwischen ihnen und den Arbeitsgeberverbänden zutage. Im Jahre 1910 hatten nämlich die Arbeitgeber in der Kleiderindustrie spezielle Assoziationen gegründet, die sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Kampf mit dem Arbeiterverband aufzunehmen. Die betreffenden Trade Unions bewiesen gerade bei dieser Gelegenheit, wie straff organisiert sie sind, und zwangen die Arbeitgeberverbände, mit ihnen Tarifverträge abzuschließen. Gemäß den