Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Das jüdische Proletariat in den Vereinigten Staaten
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 275 (sequence 1)
- Language
- German
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DATEN UND MATERIALIEN Das jüdische Proletariat in den Vereinigten Staaten Die nachstehenden gewichtigen Ausführungen sind uns aus Amerika von sachkundiger Seite zugegangen. Herr Kurt Alexander, der*) ungeachtet seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme neuerdings dafür plädiert hat, daß den osteuropäischen Juden in den von Deutschland okkupierten Gebieten nicht die volle Gleichberechtigung zuteil werden soll, hat als einzige konkrete Begründung seiner eigenartigen Ausführungen die Entwicklung des jüdischen Proletariats in London und New York angeführt. Zwei Behauptungen sind es, auf die er seine Auffassung gründet, daß das etwaige Zuwandern osteuropäischer Juden nach deutschen Zentren eine gefährliche Situation hervorrufen würde. Erstens erklärt er, daß die jüdischen Arbeiter infolge ihrer individualistischen Neigungen den gewerkschaftlichen Organisationen sich nicht anschlössen; zweitens weist er darauf hin, daß die jüdischen Arbeiter Lohndrücker schlimmster Art seien. Tatsachen ist Herr Alexander nicht in der Lage anzuführen, obwohl seine auf ein Ausnahmegesetz hinzielenden Darlegungen ihm wohl eine ganz besondere Verantwortung auferlegen sollten. Wie verhält es sich nun in Wirklichkeit? Wie steht es insbesondere um die ungeheure jüdische Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten, über die wir auf Grund von ernsten Untersuchungen schon heute ein Urteil zu fällen in der Lage sind? Da die statistischen Untersuchungen in den Vereinigten Staaten nur selten die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession oder Nation berücksichtigen, müssen wir vielfach ein indirektes Verfahren einschlagen. Vor allen Dingen werden wir die Industrien heran- *) ,,Deutschland und die Ostjudenfrage" (im Januar-Februar-Heft 1916 der Zeitschrift *m dentschen Reich). ziehen, in denen die Juden eine dominierende Rolle spielen. Es ist allbekannt, daß die Kleiderindustrie in den Vereinigten Staaten von den Juden geradezu geschaffen ist. Obwohl die Masseneinwanderung der osteuropäischen Juden erst zu Anfang der achtziger Jahre eingesetzt hat, gilt diese Industrie bereits seit 1895 als eine „jüdische". Da sehen wir nun folgendes: An sich ist diese Industrie ob ihrer Eigenart nicht so kapitalistisch entwickelt, wie es mit vielen anderen großen Industrien der Fall ist, so daß für die gewerkschaftliche Konsolidierung der Arbeiter kein günstiger Boden vorhanden ist. Es genügt darauf hinzuweisen, daß die Anwendung der mechanischen Kraft in der Kleiderindustrie im Vergleich zu ihrer Anwendung in den anderen Industrien minimal ist. Während auf die in den Großindustrien beschäftigten 6,6 Millionen Arbeiter 18,7 Millionen mechanische Pferdekräfte kommen, so daß auf jeden Arbeiter je 3 Pferdekräfte gezählt werden, rechnet man in der Kleiderindustrie mit 65 000 Pferdekräften auf 394 000 Arbeiter, so daß jeder Arbeiter nur 1/6 Pferdekraft zur Verfügung hat. Mit anderen Worten, die Industrie, in der die Juden dominierend sind, gebraucht um 17 Millionen weniger mechanische Kraft als die anderen Industrien. Vervollständigt wird dieses Bild durch einen Blick in das Verhältnis zwischen Betriebskapital und Grundkapital. Alle Großindustrien verfügten über ein Kapital von 18,4 Milliarden Dollar. Neue Werte schufen sie im Jahre 1909 in Höhe von 8,5 Milliarden Dollar, so daß das Grundkapital das produzierte Resultat um 21/&maX überstieg. Dagegen erzeugte die Kleiderindustrie in demselben Jahre bei einem Grundkapital von 404 Millionen Dollar Werte in Höhe von 447 Millionen. Man sieht also auch aus diesem Umstände, wie die kapitalistische Entwicklung in der Kleiderindustrie weit hinter der kapitalistischen Entwicklung in den anderen zurücksteht. Ungeachtet dieser vom Standpunkt der kapi- 19*