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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 273

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Vom Denkstil Achad-Haams
Date
1916-07-01
Page
273 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen 273 doch nicht gelehrt werden kann. Daher auch die vielen Gegner, die Achad-Haam aus seinem Kreise erstanden; es sind jene, die die Graduierung in der Bewertung jener einzelnen Glieder des geschlossenen Systems nicht harmonisch, wie der Meister, durchzuführen vermochten, sondern an einem nur festhielten als dem alleinigen. So verträgt es sich, daß aus der Achad-Haamschule der arbeitserlösende „Hapoel-Hazair" in Palästina hervorging, aber auch dessen Gegner im Lande, und auch beider Gegner, die Palästina verneinenden; und schließlich auch jene neueren hebräischen Denker, die nur ein negatives Vorzeichen vor das Inhaltliche, den Evolutionismus und die Geistigkeit, setzten, die jedoch den „Körper" als Inhalt nur durch den reingeistigen Prozeß der „Umwertung der Werte** einführen zu können gestanden .... Nun will ich noch einen Schritt nach Innen versuchen, um dieses bioptische Denken vom Relativen und Absoluten auf eine Seinsart zurückzuführen, die, auch Form, sich schon ganz kristallisierte und als objektiver Stützpunkt dienen kann; es ist das Weltsehen, kraft dessen Achad-Haam, durch das Unbewußte in der Form mehr als durch die bewußte Überzeugung, ein jüdischer Denker ist und nicht bloß ein Denker des Judentums. Ich meine jenes, durch das Prophetentum verwirklichte, Welterfassen, das aus den Handlungen ihr Ethos aufsteigen läßt, durch die Bewegung zum Postulate gelangt; die Anschauung der Welt durch das Leben, des Seins durch die Geltung; die die Praxis ins Philosophische erhebt, zur Lehre. In den Propheten erzeugte Zufälliges das Notwendige, Irrungen des Volkes den immer reineren Gottesbegriff; und kein Wertwiderspruch entsteht zwischen Erzeuger und Erzeugtem, da hier eine ethische Anschauung ist, deren Maßstab die Gesinnung und deren Kriterium und Postulat, Wurzel und Krone daher die Tat ist. So nun wird die organische Paarung des Publizistischen und Philosophischen bezeichnend für das Jüdische (die vielgetadelte spätere Kasuistik ist wohl auch nur eine ihrer Erscheinungsformen); und vielleicht ist sie die Ursache, daß das Segensreiche, das diesen beiden Elementen innewohnt, wenn sie getrennt sind, im Judentum nicht ausreifen konnte: dieses erreichte nicht die letzten, immanenten Organisationsprinzipien im Leben und nicht die reinen Höhen in der Erkenntnis; der Staat war theokratisch, die Philosophie ohne Wissenschaft. Denn —. hier nur eine fragmentarische Anneft 4 deutung zu einem weitverzweigten Thema — die Charakteristik des Judentums erschöpft sich nicht in seiner Abgrenzung gegen das Christentum, der Achad-Haam („die Schwankenden") die treffliche Formel gab: Christentum— real, subjektiv, Liebe; Judentum — abstrakt, objektiv, Gerechtigkeit, Das Ethische im Judentum unterscheidet sich ebenso streng von einem andern auch Abstrakt-objektiven, von der Vernunftethik. Diese statuiert die Pflicht, das Judentum die Gerechtigkeit. Wie sich nun das * Judentum in seinem Charakter, in der Einstellung vom Christentum unterscheidet, so auch von der Vernunftethik in seinem ethischen Element, im Ausgangspunkt. Das Judentum — dies wiederum gemeinsam mit dem Christentum — basiert auf dem Leben mit seiner Wertgraduierung; seine Abstraktion ist nicht, wie in der Kantschen Pflichtethik, ein starr Begriffliches, sondern angeschmiegt der Wellenlinie des Lebensflusses mit Werthöhen und -Tiefen. In jenem von Achad-Haam angeführten Beraitha-Fall (S. 240) der zwei Durstenden, die nur Wasser genug haben, um dem einen das Leben zu erhalten, steht die jüdische Anschauung, die ein Leben zu retten gebietet und auf die künftige Rettung hin das andere gleich jetzt preisgibt, im Gegensatz zu beiden anderen ethischen Anschauungen: des Christentums wegen seiner Subjektivität, für die das objektiv gerettete Leben nichts bedeutet, ebenso aber auch der Pflichtethik, die nur das Präsente kennt und nicht graduierte Wertigkeit, daher nicht einen Augenblick auf die Pflicht verzichten kann zugunsten künftiger an Wert höherer Leistung (Beleg: das bekannte Kantsche Beispiel vom Menschen, der sich vor dem Verfolger versteckt und durch die Lüge gerettet werden kann, welche Kant nicht erlaubt). So nun steht das Judentum abseits der Liebes¬ und Vernunftethik, gerät mit ihnen im Praktischen in Widerspruch, bedeutet aber prinzipiell ihre Synthese: das Leben als Basis und darauf das absolute Gebot. Darin scheint das Denken Achad-Haams zu wurzeln — ein Beweis für die Zeugungskraft des Nährbodens des Jüdischen; daraus ergibt sich seine äußere und innere Form — ein Zeichen der variativen Produktivität dieser ursprünglichen Konstitution. Der gewissenhafte, berufene Übersetzer macht sich eines unbegründeten Optimismus schuldig, wenn er in der Vorrede die Aktualität des Buches dadurch hervorheben will, daß wir auch jetzt am Scheidewege stünden; ein Optimismus — denn jetzt, in diesem Moment, sind *9

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