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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 274

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Vom Denkstil Achad-Haams
Date
1916-07-01
Page
274 (sequence 4)
Language
German
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274 Bemerkungen die Wege, an deren Scheide der Weiser stand, im Chaos verloren. Doch kommt es eben nicht auf die Resultate an, sondern auf die Methode. Auf die jüdische, hier so ganz erreichte Denkform, die kennen zu lernen dem westjüdischen Leser nottut — wozu er in diesem Bande einen befruchtenden Behelf hat. W. Diesendruck Bialik Wir bringen hier im Auszug einen der Aufsätze, die zu Chaim Nachman Bialiks, des repräsentativen hebräischen Dichters unserer Zeit, fünfundzwanzigjährigem literarischem Jubiläum erschienen sind. Er ist der New Yorker hebräischen Wochenschrift Hatoren entnommen, die wir kürzlich besprachen. Auszüge aus anderen Aufsätzen werden demnächst folgen. Eine Literatur, deren lebende Seele entflohen war und die dafür das abstrakte Wort in sich aufnahm, war unsere Literatur. Langweilige Worttiraden und nichtssagende Scharfsinnigkeiten überfluteten sie. Auch wenn wir Himmel, Feld und Wald sahen, wußten wir doch nicht dem Geschauten den richtigen Ausdruck zu verleihen. Die „Schemoth"*), die trockenen, vergilbten Pergamente der „einzig Entronnenen"**) stellten sich zwischen uns und das, was das Auge sah, das Ohr hörte. Der bohrende und verkrümmende Intellekt fraß jedes innere Erleben wie Rost — Rost, der das ganze Leben überzieht. Bialik ist der erste, der voller Leben und Bewegung, mit dem Geruch des Feldes kommt. Er überwand die Fäulnis der Schönrednerei und jene Wortleichen, die jede Regung des Herzens niederdrückten und jede lebendige Agilität des Gedankens erwürgten. Bialik ist der erste Dichter, der Sonne, Feld und Wald kennt. Er ist der erste Jude in der Dichtung, der „bei der Glut eines Sommertages" hinauseilt zur erhabenen Majestät der Stille, „ins Dickicht des Waldes", im Allerheiligsten des Waldes mit sich und seinem Gotte Gemeinschaft schließt, der nicht mit Worten, sondern in Wahrheit jedem fliegenden Vogel, jedem Schatten eines Baumes, jedem Strauch im Wald ein Genosse ist. Bialik ist der erste Mensch *) Losgerissene Blätter aus den heiligen Schriften und Gebetbüchern, die sorgfältig verwahrt und schließlich verbrannt und feierlich beerdigt werden. *•) Eine Lieblingstirade der „Haskalah" für die hebräische Sprache. in unserer Literatur. Obwohl er ganz und gar im Jüdischen versunken ist und seine Seele mit dem „Lichte des Judentums" erfüllte, war er bestimmt, der erste Mensch in unserer Literatur zu werden. Nicht mit traditionellem Erbe — mit seiner Natürlichkeit und Frische, „die von ihm und in ihm sind," benetzte er die Dürre unseres Liedes. * Bialik singt nicht, sondern bricht aus in Gesang. Er spendet nicht Licht, sondern zertrümmert die Fenster, um die Fülle des Lichtes einzulassen. Seine Sprache ist voll Kraft, voll Mannesmut und -stärke. Als breche er Erz aus dem Schacht seiner Seele. Denn „aus meinem Felsen und meinem Stein hab' ich es gehauen." Der Widerhall der in den Tiefen der Felsen niedersausenden Axt steigt aus jedem Satz von ihm empor. Das Beben seiner Sprache gleicht dem Schrecken des vom Hammer des Riesen gestäupten Erzbergs. In der Stunde des Grimms und der Entflammung klingt Bialiks Stimme wie das Krachen der Felsen bei ihrer Sprengung. Auch wenn er träumt, erscheint er als „Fels" zwischen brandendem Gischt, dessen Haupt die Ruhe der Träume und Phantasien umschwebt... Er naht sich nicht dem Leser, sondern überfällt ihn und erobert sein Herz. Er liebt es nicht, das Herz vorzubereiten, den Vorhang allmählich zu lüften, sondern er ergreift und schlägt das Herz und betäubt es. Stets spricht er zu uns mit seiner ganzen Stimme, enthüllt er sich in seiner ganzen Gestalt. Alles umschlingt er mit seinen starken Händen. In alles versenkt er seine ganze Kraft. Im zartesten Lied fühlt man die breiten Schultern, die Schultern Bialiks, die es tragen. * Auch nicht einem unserer Dichter, der es wagte, unsere Wunde zu berühren, unser Unglück auszusprechen, würden wir glauben. Ein anderer hätte unseren Schmerz entweiht, die Wunde mit seinem stumpfen Seziermesser zerschunden. Nur Bialik, dessen Seele keinen Trug kennt, Bialik, der die Scheidewand zwischen persönlichem Leid und nationalem Unglück niederriß, der seinen Hals dem Henker hinstreckt, der gefesselt ist in den Stricken unseres Lebens und sich unter dem Zusammenbruch unserer Ruinen windet, nur ihm war die Kraft und die Berufung zuteil, uns zum Sprecher zu werden. Nur seinen Worten lauschen wir mit unserer ganzen Seele, nur von seinem eisernen Stabe lassen wir uns schlagen ... Und mit ihm vergehen wir im Entsetzen unseres Lebens. Z. Auerbach

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