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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 272

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Vom Denkstil Achad-Haams
Date
1916-07-01
Page
272 (sequence 2)
Language
German
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272 Bemerkungen Geschehenes, das in die Gegenwart hineinwächst, in ihr Wachstum hineinwirkt. Daher Wert nicht wegen des behandelten Stoffes, sondern wegen des allein Bleibenden der Form, angesichts dessen alles vergängliche Materielle zur Nebensache herabsinkt, wie die wechselnden Anlässe im Vergleich mit der Notwendigkeit eines Kausalnexus. Vielleicht besteht sogar eine Gesetzmäßigkeit, nach der der Dauerwert der Form steigt, je mehr die Materie, der „Inhalt," dem Vergänglichen angehört. An den publizistischen Aufsätzen soll daher dieses Formale der Orientierungspunkt sein. Denn Achad-Haam widerfährt das Schicksal aller Denker, daß man ihre Ergebnisse kennt, diese veraltet findet, ohne ihren Weg mitzumachen, der oft in Neues führen kann. Wie wenn man den Trapezkünstler nur an seinen photographierten Lagen bewundern wollte, ohne den Schwung zu sehen; solch ein Unrecht am Schaffenden ist es, an den erstarrten Endpunkten zu haften, ohne die sie beseelenden Schwingungen. Einen Publizisten nennt sich Achad-Haam; er gilt aber auch als der philosophische Begründer der national-jüdischen Bewegung. Beides ist in ihm vereinigt, doch so, daß das Philosophische die Ansicht des Tatsächlichen nicht verschwommen macht, die Berührung mit den Tatsachen die Erkenntnisse nicht aufs Pragmatische beschränkt. Unterschiedlich also, sind die beiden Elemente doch organisch verbunden; aus dem Anlaß steigt die Projektion aufs Ganze hervor und wird zum Ausschlaggebenden. Achad-Haam scheint des Eindrucks zu bedürfen, um aber gleich den Beziehungsradius einen weiten, objektiven Kreis um den anregenden Mittelpunkt beschreiben zu lassen. Komiteesitzungen, Tagesdebatten, Kongresse, Dinge, deren Momentaneität dem Journalisten zur Entschuldigung seines Mangels an Halt und an Dauer dienen, bei Achad- Haam werden sie zur Basis für national-philosophische Konstruktionen, die sich in einem konstanten Gesinnungspfeiler zusammenschließen. Seine Kritik zeigt nur, was nicht ist, um zu fordern, was sein soll. Aus einer Negation der herrschenden Zustände in Palästina nach einer der früheren Reisen ergibt sich das positive Bild der erwünschten; aus einer Kritik an einer neuen Reformbewegung im englischen Judentum — eine weitreichende Skizzierung der jüdischen Ethik, reich an glücklichen Formulierungen. Die Impression wird zum Hinweis auf die Sache und, in weiterer Folge, auf ihr Prinzip. So erkennt er, aus dem Gegenwärtigen zum Ewigen fortschreitend; so aber wirkt er auch, sucht in harten Zusammenstößen in der Öffentlichkeit bestimmend zu sein, allein durch die absolute Waffe des Geistes. Diese Eigentümlichkeit des Durchwirktseins von Publizistik und Philosophie, diese äußere Formpaarung beim Schriftsteller tritt analog auf in der tieferen Struktur des Denkers Achad-Haam. Heterogene, sich fast ausschließende Geistesrichtungen verwachsen zu einem widerspruchslosen Gedankengang. Als Erstes ein Spencerscher Evolutionismus, ein im Grunde mechanistischer, dessen Fortschritt entweder zufällig oder durch Anpassung seine Verwirklichung erreichen müßte; der aufs Historische angewendet zu einem Materialismus führt, im Sinne einer Prävalenz des Determinierten, Gegebenen über das Spontane, Schöpferische. Darüber aber erhebt sich bei Achad- Haam ein Geistesprimat, der im Prophetentum wurzelt; der nicht allein Zweck von Ziel, sondern auch dieses vom Ideal immer wieder scheidet und von der höchsten Spontaneität der „ Aufopferung für ein fernes Ideal" durchdrungen ist — ja, einzig an sie glaubt. Er lehnt das Zufällige ab, und daher auch die unbegründeten Hoffnungen des „politischen" Zionismus — stützt sich aber allein auf das Erwachende, Erstehende; ist pedantisch im Untersuchen der Stabilität des Einzelnen — baut aber sein Ganzes auf einem Imponderabile auf. Nichts hat ihm wirklichen Wert für die nationale Zukunft, das nicht auf das geistige Zentrum hinausführt; doch soll sich dieses vorbildliche Zentrum aus der stufenweise fortschreitenden Kolonisation herausentwikkeln; doch ist diese kleine Kolonisation nur dann von Dauer, wenn ihr das Erwachen des echten Nationalgefühls, des Geistigen im Juden vorangeht. So nun steht im Anfang und am Ziele das Geistige; das Evolutionistische ist bloß Mittelglied, also sekundär und prinzipiell ausschaltbar. Darum ist Achad-Haam nachgiebig, sich an das Gegebene anpassend in jenem evolutionären Bindeglied, im Kolonisatorischen nämlich und sogar in seinem vitalen Kern: in der Frage jüdischer Arbeit. Unerbittlich aber, mit fanatischer Äbsolutheit — t^ür Vergleiche ist hier kein Ort" — im unmittelbar Geistigen, sogar in seiner eigentlich relativen, versöhnbaren Alternative: in der Sprachenfrage. Das aber soll nicht als ein Irrkreis angesehen werden, sondern als eine eigentümliche Geschlossenheit, wie sie die Frömmigkeit des Lebensklugen ist, wie das Ahnungsvolle eines Bewußten. Es ist daher Sache der inneren Konstitution, der Denkform, die erfaßt werden soll,

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