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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 260

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-07-01
Page
260 (sequence 6)
Language
German
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2Ö0 Arno Nadel: begreife ich, warum wir am Pessach als Kinder so viel mit Nüssen spielten. Pessach, das war der spezifische Nußfeiertag), das wollen wir wohl alle, die wir leben, und die Juden in ihrem eingebornen Lebenshunger ganz besonders, — ein uraltes Volk, das aber noch leben und leben will, bis über den Tag, bis über den Tod. Das Volk, das „jene Welt" entdeckt hat, jene Welt, von der die unsere wahrscheinlich nur ein Teil ist. Aber die „Jidelach" sind zu klein, — das empfand wohl der kleine, große Rabbi, als er dieses Spruchliedchen tiefinnig sang, er empfand die Mystik, die in ihm steckt, in dem einen Wort, in der Weise, im Gesangslaut des Wortes: „zu klein sind die Jidelach". Und im seligen Gedanken, daß sie doch so groß sein möchten und wohl auch könnten, sang er es am liebsten in allen Zungen, — über das Jiddische hinaus, ins Allgemeine, ins süße Fremde, das doch unser Eigenstes, unsere schönste und ewigste Heimat bedeutet.*) Überhaupt ist dies der Sinn der grade von den frömmsten, von den ekstatischsten Menschen in den Gebetparaphrasen hinzugezogenen Übersetzungen. Sie wollen die Grenze auch nach dieser Richtung hin sprengen, sie wollen die Heiligkeit aller Rede kund tun, wenn diese ins Reich ohne Rede und ohne irdische Unterscheidungen gedrungen ist. Daher eröffnen unsere religiösen Volkslieder die merkwürdigsten Perspektiven. Solange sie im Munde reiner heiliger Menschen lebendig sind, erfüllen sie ihre Bestimmung für Stunde und Schicksal des Betenden, und wenn sie, wie in unseren Zeiten, oder sagen wir besser: unter uns Suchenden und Forschenden eine halbhistorische Färbung bekommen, so verhelfen sie uns und der großen religiösen Angelegenheit überhaupt zu tiefen Einsichten und Schauungen. Ein Liedchen wie unseres ist an sich wenig oder garnichts, viele sind schon etwas, aber der Geist dieser Lieder ist ewig erhaben, wie das alte Wesen, aus dem sie stammen. Warum freute sich Rabbi Baer, als er zur Erkenntnis vordrang: „Zu hoch sind die Baimelach, zu klein sind die Jidalach", warum konnte er sich nicht sattsingen an diesem Stück, das doch eigentlich nur klagt und anklagt? Er sah mit seinen tiefen hellen Augen in die Zukunft seiner J idalach und er sah die Zukunft aller Völker vor sich und sah die reiche Ernte der Nüßlein, der süßen fetten Früchte, welche endlich durch göttlichen Segen die ganze sehnsüchtige Erde bedecken werden, „wie die Wasser die Meerestiefen bedecken". Darum sang er jiddisch, hebräisch, polnisch, — er hätte sich die ganze Welt aus dem Halse singen mögen, denn er lebte in solchen Momenten die Erfüllung dessen, was die „Marne" geheißen und verheißen hat. Die hohe Ursache. Schickt der Harr a Poor in Wald aran, A Poor in Wald aran, — Er soll die Epu rassn, er soll die Epu rassn. Poor will nischt Epu rassn, Epu will nisch falln, in Epu will nisch falln. (Übertragung:) Schickt der Herr einen Bauern in den Wald hinein, Einen Bauern in den Wald hinein, —• Er soll die Äpfel reißen, er soll die Äpfel reißen. Bauer will nicht Äpfel reißen, Äpfel wollen nicht fallen, und Äpfel wollen nicht fallen. •) Diese schöne Deutung Arno Nadeis kann ich nicht gelten lassen. Vielmehr handelt es sich offenbar um die tief chassidische Umdichtung eines polnischen Volksliedchens ins Jüdische und Transzendentale. (Anmerkung des Herausgebers.)

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