Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 259 (sequence 5)
- Language
- German
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Jüdische Volkslieder 259 Nit gewollt obn sai di Toire m'kabl san, In obn nit gewollt sogn „al n'tilas — jodojim." Ot min si getrogn zwischn di Prizim — Sai sanen saier groisse Sch'rizim, — Min ot gewollt, sai solln die Toire m'kabl san, Obn sai gisogt allerlai Truzim. Ot min si gitrogn zwischn di Jidn, Obn si di Jidn mit Chedwe m'kabl giwen. Sie wollen es nicht mit der Thora wagen, Sie wollen über nichts einen Segensspruch sagen,*) g$ Da trug man die Thora unter die Fürsten hin, Die aber hatten verderbten Sinn. Sie wollten sich nicht mit der Thora plagen, Sie mochten vielerlei Ausreden sagen, Hat man sie zu den Juden getragen: Die endlich wollten es mit ihr wagen. Pryluzki No. 32. Die ewige Ohnmacht. Polnisch: Die Marne hot gehaissn, Kazala mateczka Nisselech fin Boim oprasn. Orzeszki rwac; Zi hoich senen di Baimalach, Ale wysokie liscinki, Zi klain senen di Jidalach, — A za niskie chlopcinki, — Sai kennen nischt dergraichn, Trudno sie dostac, Sai kennen nischt dergraichn . . . Trudno sie dostac. Übertragung: Die Mutter hat geheißen, Zu klein sind die Jüdlein, Die Nüßlein vom Baume reißen. Sie können sie nicht erreichen, Zu hoch sind die Bäumlein, Sie können sie nicht erreichen. Pryluzki bemerkt zu diesem Liedchen (No. 34) folgendes: Es war ein beliebtes Lied des sogenannten „Kleinen Rebbe", des Rabbi Baer von Radoschitz. Er pflegte es oft zu singen, zuerst jiddisch, dann polnisch, wie er überhaupt ein Liebhaber von polnischen Ausdrücken und Wörtern gewesen zu sein scheint, wie eine Menge Anekdoten beweisen. So, beispielsweise diese: Einmal fährt er übers Land, und mitten auf dem Wege vergräbt sich der Wagen im tiefen dicken Schmutz. Der Kutscher, ein polnischer Bauer, bittet den Rabbi, er möchte ihm den Wagen herausziehn helfen. „Ich kann nicht,'1 antwortet der Rabbi. „Du kannst,*aber du willst nicht," bemerkt der Bauer. Als der Rabbi nach Hause kam, erzählte er: „Heute hörte ich Thora von einem Bauern", und indem er die Episode mitteilt, legt er dar: „Du kannst, aber du willst nicht, — wir können Gott dienen, aber wir wollen nicht." — Das Lied bezieht sich auf folgenden Vers des Hohenliedes: „Zum Nußgarten ging ich hinab, das blühende Tal zu schauen, zu schauen, ob grüne der Weinstock, ob knospen die Granaten." — Es wird besonders bei den Chassidim gesungen, und zwar am Pessach. — Hier haben wir ein Liedchen, welches nur wie ein Sprichwort klingt, denn es ist kaum anzunehmen, daß es ein Fragment darbietet. Aber die Melodie — die „Idee" besagt viel zu wenig — macht daraus ein Liedchen, ein Lied, wert, daß man es am Pessachfest singe, am Feste des Hohenliedes. „Die Nüßlein vom Baume reißen" (jetzt *) Der Segensspruch ist hier hebräisch angegeben; es ist der Segensspruch „beim Waschen der Hände". 18*