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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 258

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-07-01
Page
258 (sequence 4)
Language
German
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258 Arno Nadel: Pryluzki 31. — Eine alte Sage hat hier in einem Liede zum Preis des Wochenfestes lebendigen Ausdruck gefunden. (Es könnte übrigens, wie aus Pryluzki No. 69 zu ersehen wäre, trotz seiner Geschlossenheit das Fragment eines großangelegten Stückes darstellen, mit dem wir uns im besondern vielleicht noch beschäftigen werden. Es könnte aber ebenso gut das Original oder die Variante eines Originals zu jenem ausführlichen Liede sein.) Der Ton des Liedes ist groß-episch und legt dem Dargebotenen Wort für Wort hohes Gewicht bei. Wie in einem von uns bereits mitgeteilten Stücke, in dem es gleichfalls um Großes geht, nämlich um die Wesenheiten der Juden, so holt auch hier der Dichter gewaltig aus: „Anfangen wollen wir zu erzählen ..." Und noch die zweite Strophe beruhigt sich nicht und setzt zum zweiten Male an: „Bescheiden will ich die Sache ganz und gar ..." Die dritte Strophe endlich beginnt zu erzählen, in einer Art Imperfektum: „Gott war fragen." Aber schon nach einer Zeile ist der Dichter so ganz im Inhalt, daß er nunmehr „gegenwärtig" fortsetzt: „Sobald antworten ..." Und wie mit großem Finger auf einen bedeutenden Vorgang zeigend, setzt er das Stück im Gegenwartstone fort bis ans Ende. Der ganze Vollzug des Liedes ist notwendiger Natur, ohne Überlegung der Redenden. Wir hören immer wieder: „Also bald antworten die Engel", — „Da spricht Gott", — „Heben an die Engel zu sprechen", — „Wie bald der Allmächtige dies hört, sobald antwortet er". Und wie antwortet er! Ganz klar und wahr, wie eben nur Gott. Und welches ist die sonderbare Antwort? Ihr wart nicht in Ägypten, und da könnt ihr auch nicht die Thora haben. Das allerdings ist eine klare und wahre Antwort. Was sollen die Engel mit der Thora? Sie wollen ihre Herrlichkeit noch herrlicher machen, sie wollen in der Thora sogar sich mühen, — wie es die Juden tun werden. Aber Gott, der Allwissende, weiß: sie werden es nicht vermögen, — weil sie nie gelitten haben. Nur aus dem Knecht kann ein Knecht und Kind Gottes werden, nur aus dem tiefsten Leid kann tiefste Freude, kann Gottesdienst werden, aber nicht aus ewigwesender Wonne, die nur —und dies ebenfalls nur im unmöglichen wirren Menschentraum—den Himmlischen zuteil ward. Eine ausführlichere, nicht ebenso erhabene Darstellung bietet das folgende Lied: Hert sehe zi, Rabboissai, wos ich well ach derzailn! Ich well ach a Masse derzailn — Die Masse wet ach schain gefein. Die Masse haibt sich on schain in frailach, A Masse will ich ach derzailn fin ajidischen Mailach. A jidischer Mailach ot giat aininainzig Techterl, Die Techterl — dos ist di Toire. Die Toire ot men getrogn zwischn di Gojim, Nor sai sanin groisse R'schoim — (Übertragung:) Hört nur zu, meine Verehrten, was ich euch erzählen möchte: Ich möchte euch eine Geschichte erzählen, Die Geschichte wird euch sehr gefallen. Die Geschichte beginnt sehr schön und fröhlich: Eine Geschichte will ich euch erzählen von einem jüdischen König. Ein jüdischer König hatte ein Töchterchen, ein einziges, — Das Töchterchen — das ist die Thora. Die Thora hat man getragen zwischen die Nationen, Die aber sind voller Bosheit und wollen sich schonen.

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