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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 253

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die Hauptprozesse der neuesten Geschichte der Juden
Date
1916-07-01
Page
253 (sequence 5)
Language
German
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Die Hauptprozesse der neuesten Geschichte der Juden 253 sehen Schule seit der deutschen Bibelübersetzung vorbereitet worden war. Die allgemeine Staatssprache ebnete der Verdeutschung und Französierung den Weg in die jüdische Familie und die jüdische Schule. Die neuen Generationen wurden schon durch die Erziehung dem Judentum entfremdet. Die Generationen des „Berliner Salons"; Börne und Heine; Lassalle und Marx — das sind drei Etappen einer mehr und mehr zunehmenden Entfremdung. Wahr ist es allerdings, daß sich eine parallel laufende Strömung in der Generation der Aufbauer des erneuerten Judentums, der eines Friedländer und Jakobsohn, eines Rießer und Geiger herausbildete, aber was war es denn, was diese den umgebenden Nationen im Namen des eigenen Volkes sagten? Sie wiederholten das Losungswort des Pariser Synedrions: „Wir gehören der Nationalität nach den umgebenden Nationen an; es gibt keine jüdische Nation, sondern nur Deutsche, Franzosen, Engländer, die sich zur jüdischen Religion bekennen/' In diesen Erklärungen, die für gewöhnlich im Eifer des Kampfes abgegeben wurden, verwachsen humanitäre und rein utilitäre Erwägungen derart miteinander, daß es schwer wird zu ermitteln, wo die einen enden und die anderen beginnen. Überall da, wo die Emanzipationskämpfer des völligen Verschwindens des Judentums als Nation nicht ganz sicher waren, da befahl ihnen ein gebieterischer Instinkt: so soll geredet werden — sonst werden wir nicht imstande sein, den Kampf um die Gleichberechtigung zu führen und ihn glücklich durchzuführen. Der Gedanke, daß eine Nation ohne Staat und selbst ohne Territorium berechtigt ist, staatsbürgerliche Rechte in vollem Maße samt solchen nationaler Art zu fordern, war in den Köpfen noch nicht aufgedämmert. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die nationale Frage in der politischen Geschichte Europas noch nicht an die Reihe gekommen; sie trat erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts nach vielen, nach dem Jahre 1848 erfolgten nationalen Freiheitskämpfen in den Vordergrund. Für einen Moment konnte es den Anschein gewinnen, daß das 19. Jahrhundert in der jüdischen Geschichte eine tiefe Furche gezogen habe. Es schien, daß die älteste Nation, die ihren Bestand im Verlaufe von Jahrhunderten durch alle Stürme der Weltgeschichte hindurch rettete, gegen den Ansturm des 19. Jahrhunderts nicht mehr aufzukommen vermochte, daß sie nachgab, sich selber verleugnete und zu einer religiösen Sekte degradierte, deren Bruchteile in die umgebenden Nationen versprengt sind. Es schien, daß die bona fides der einen und die pia fraus der anderen in den Erklärungen der nationalen Selbstverleugnung, oder richtiger gesagt, die aus diesen beiden Elementen bestehende Mischung von den Völkern in gutem Glauben hingenommen wurde, daß die im Westen bereits zustande gekommene Krisis auch im Osten ihrer Verwirklichung unvermeidlich entgegenschritt. Hier aber vollzog sich eine Krise der Krisis. Der angehende Prozeß des nationalen Zerfalls wurde durch zwei Faktoren, von denen der eine negativer, der andere positiver Natur war, gebieterisch zum Stillstand gebracht — den westlichen Antisemitismus einerseits und das Schicksal des Kerns der Judenheit in Rußland anderseits. Die Antisemiten aller Länder sagten den Juden, die die Emanzipation auf dem Wege der nationalen Selbstverleugnung erworben hatten: „An eure Selbstverleugnung glauben wir nicht; bei all euren Bemühungen, mit uns zu verschmelzen, bleibt Ar uns fremd; ihr seid nicht nur Andersgläubige, sondern auch Fremdstämmige." Das Schicksal der russischen Judenheit wiederum verhalf vielen zu der Klarheit des geschichtlichen Bewußtseins, die sie eingebüßt hatten. Seit der kulturellen Umwälzung aus der Epoche Mendelssohns und der franzö-

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