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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 254

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die Hauptprozesse der neuesten Geschichte der Juden
Date
1916-07-01
Page
254 (sequence 6)
Language
German
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254 S. Dubnow: Die Hauptprozesse der neuesten Geschichte der Juden sischen Revolution gingen die Wege der westlichen und der östlichen Judenheit auseinander; die frühere, auf einer strengen bürgerlichen und nationalen Absonderung aufgebaute Vorherrschaft der deutsch-polnischen Juden erfuhr eine Entzweiung ihres Wesens; die deutschen Juden verwarfen ihre alte Grundlage und schlugen den Weg der Aufklärung und der Assimilation ein; die polnischen Juden hingegen, die inzwischen unter vornehmlich russische und österreichische Herrschaft gerieten, bewahrten ihre Eigenart und erwiesen sich den neuen kulturellen Einflüssen schwer zugänglich. Diese vom Westen hinüberkommenden Einflüsse, die auch in den Osten eindrangen, verschafften auch hier der Assimilation, dem Kampfe um die bürgerliche Gleichberechtigung und sogar den bewährten Verfahrungsweisen der Selbstverleugnung Eingang. (Die Periode zwischen 1860 und 1880.) Aber kaum faßte die kulturelle Krise in den tieferen Schichten der Gesellschaft festen Fuß, als die Reaktion der Jahre 1881—1905 mit ihren mittelalterlichen Verfolgungen und Pogromschrecken ausbrach. Die Schläge hagelten auf den östlichen Kern der Judenheit nieder in einem Momente, als einerseits in der dichtesten Masse der Bevölkerung der alte Vorrat an nationaler Energie noch nicht versiegt war, andererseits an den intelligenten Spitzen der Gesellschaft sich ein gewisses Quantum neuer sozialer Energie angesammelt hatte, die zu einem Kampfe um die Freiheit drängte. Die Verbindung dieser beiden Elemente rief eine kompliziertere Form des Daseinskampfes ins Leben, als es im Westen der Fall war: die nationale Freiheitsbewegung. Die neue Bewegung fiel in zwei Richtungen auseinander: die eine geht nach der Seite der Ausscheidung der Judenheit oder eines Teiles derselben aus der Welt der Diaspora zum Zwecke einer Reorganisation auf autonomer Grundlage (Zionismus, Territorialismus); die andere Richtung, die eine derartige Ausscheidung in einem Maße, das fähig wäre, das ganze Leben der Nation zu beeinflussen, für undurchführbar hält, strebt auf dem Wege eines gleichzeitigen Kampfes um bürgerliche und nationale Rechte in jedem Lande eine nationale-kulturelle Wiederbelebung des jüdischen Volkes in der Diaspora an. Die Vertreter der beiden Richtungen sind sich darin einig, daß die Juden den Kampf um ihre Freiheit nicht als Partikelchen fremder nationaler Organismen, sondern als Teile einer geschichtlich einheitlichen jüdischen Nation auszufechten haben. Im Momente der russischen Revolution des Jahres 1905, als der Kampf um die Emanzipation von der Mehrheit der jüdischen politischen Parteien unter jüdisch-nationaler Flagge geführt wurde, fanden diese Bestrebungen in bestimmten politischen Losungen ihre volle Ausprägung. Wenn diese ganze Freiheitsbewegung durch die fatalen Bedingungen der russischen Wirklichkeit nicht einen schweren Stoß erlitten hätte, so wären wir Zeugen einer dritten „Emanzipation", der russischen, geworden, einer Emanzipation, die nicht unter einem russich-nationalen Deckmantel, sondern Millionen russischer Bürger jüdischer Nationalität dargeboten worden wäre. Aber das Schicksal wollte es, daß der Moment dieser dritten Emanzipation hinausgeschoben, und einer neuen grausamen Reaktion, deren Ende unabsehbar ist, der Weg geebnet wurde. Die innere Krisis hat sich jedoch vollzogen. Der kulturelle Einfluß des jüdischen Westens auf den Osten machte gegen das Ende der Epoche dem entgegengesetzten Einfluß des Ostens auf den Westen Platz; die assimilatorische Strömung überläßt nach und nach der nationalen in der modernen Gestalt die Führung; die erstere war typisch für das 19., die letztere verspricht es für das 20. Jahrhundert zu werden. S. Dubnow

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