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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 251

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die Hauptprozesse der neuesten Geschichte der Juden
Date
1916-07-01
Page
251 (sequence 3)
Language
German
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Die Hauptprozesse der neuesten Geschichte der Juden 251 bewegung und den Kampf um die Emanzipation innerhalb der östlichen Judenheit ins Leben rief; 4. die Epoche der zweiten Reaktion, der antisemitischen (von 1881 an) , als der gesellschaftliche Antisemitismus des westlichen Europas zu einer Macht wurde, die in vielen Ländern der faktischen Durchführung der vollen bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung der Juden Hindernisse in den Weg legte, und die Judenfeindschaft des reaktionären Rußlands für den Kern der Judenheit ein Regime von Pogromen und der schändlichsten Entrechtung schuf. 2. DIE ASSIMILATION UND DIE NATIONALE BEWEGUNG. In engem Zusammenhange mit dem zwiespältigen äußeren Prozeß der Emanzipation und Reaktion befindet sich der zwiespältige innere Prozeß der Assimilation und der Nationalisierung. Unter Assimilation versteht man entweder das naturnotwendige Verschlungenwerden des Juden von der Kultur der waltenden Umgebung, das zu der Einbuße des jüdischen national-kulturellen Typus führt, oder auch das formelle Verzichtleisten des Juden auf seine von der Religiosität als solcher unabhängige nationale Eigenart und das Angegliedertwerden an die herrschende Nation in jedem einzelnen Lande. Dieser Entnationalisierung liegen zwei verschiedenartige Triebfedern zugrunde — die humanitäre und die utilitäre. Die erstere ist nicht neu in der jüdischen Geschichte. Unter dem Einflüsse großer weltumspannender Kulturbewegungen entfaltete zu verschiedenen Zeiten in gewissen Schichten der Judenheit die zentrifugale Tendenz eine intensivere Energie als die zentripetale, die Hinneigung zu der „allgemein-menschlichen" Kultur der Peripherie überwog die zur urwüchsigen nationalen Kultur. So war es in Palästina in den Epochen der Vorherrschaft der phönizischen und dann der assyrisch-babylonischen Kultur, so war es in ganz Vorderasien und Ägypten unter der Herrschaft der griechisch-römischen Kultur, so war es auch in der Epoche der arabischen Renaissance im Orient und in Spanien. Die westliche Judenheit, die jahrhundertelang ein vollständig in sich abgeschlossenes Dasein führte, konnte der europäischen aufklärerischen Bewegung des 18. Jahrhunderts und dessen kosmopolitischer Ideologie nicht widerstehen. Die Epoche Mendelssohns und die der französischen Revolution entwickelten in den oberen Schichten der jüdischen Gesellschaft eine ungeheuere zentrifugale Kraft. Ihr Losungswort lautete: Vom Nationalen zum Allgemein-Menschlichen. Es begann der Prozeß des Anschlusses der Juden an die westliche Kultur. Da es aber im Westen in der Wirklichkeit gar keine einheitliche Kultur gab, sondern immer nur eine deutsche oder französische und überhaupt eine solche, die dieses oder jenes nationale Gepräge je nach dem Typus der Sprache, der Schule und der Literatur der herrschenden Nation trug, so machten sich auch die verschiedenen Gruppen des jüdischen Volkes in jedem Lande faktisch die entsprechende nationale Kultur zu eigen, d. i. sie verwuchsen mit den Franzosen, den Deutschen usw. Die humanistische Bewegung artete in die Absage an die jüdische Nationalität zugunsten einer fremden im gegebenen Lande oder in der gegebenen Provinz aus. Wäre nun diese natürliche zentrifugale Bewegung (bei der unnatürlichen Lage des jüdischen Volkes in der Diaspora) sich selber überlassen geblieben, so wäre sie mit der Zeit durch die normale Gegenwirkung ihrer Nebenbuhlerin in Schach gehalten worden; der verderbliche Prozeß der Assimilation wäre in den dichten Massen des Volkes auf die alte elementare Tendenz nach dem Nationalen hin gestoßen. Aber hier kamen 2u den humanitären Beweggründen solche utilitärer Natur hinzu. In das Ringen

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