Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Traditionelles und nationales Judentum
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 248 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875868-3104740--0365-3104808- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
248 Elias Auerbach: Traditionelles und nationales Judentum sollen fragen; so sichere ich mir ihre lebendige Mitarbeit am Werke der jüdischen Erziehung. Adler: Ich wollte dich längst fragen, lieber Max: Kannst du ihnen denn antworten? Ich kenne doch deinen religiösen oder vielmehr unreligiösen Standpunkt. Was willst du ihnen antworten auf tausend Fragen, die in unlösbarer Verbindung mit religiösen Vorstellungen stehen? In den Beispielen, die du gebracht hast, mag es einfach sein; aber Gott steht auf jeder Seite unserer Bibel und unserer Geschichte. Und alle diese Bräuche und Formen, wie du selbst zugegeben hast, erscheinen in religiösem Gewände und religiös bedingt. Was willst du da deinem Kinde sagen? Stein: Das ist die tiefste, ernsteste und schwerste Frage, und sie hat mich viele innere Kämpfe gekostet. Aber ich will ihr nicht ausweichen. Da hast du es leichter: Du gibst den Kindern deinen Glauben, mögen sie sich mit ihm abfinden und auseinandersetzen, so gut sie können. Für mich ist die Frage viel schwerer, aber sie ist keine spezielle, nicht einmal eine speziell jüdische. Jedes Kind, das in die Schule geht, bringt religiöse Vorstellungen heim und fragt. Eltern, die nicht gläubig sind, wären dumm und flach, wenn sie einfach antworten: das ist alles Unsinn. Es gibt für mich nichts Fürchterlicheres, als diese blasierte „Aufklärung" der Kinder. Sie werden dadurch nicht frei, denn nur wer seine innere Freiheit sich durch Kampf erringt, ist frei. Ich selbst bin fromm erzogen und habe mich unter Schmerzen und langem Ringen vom lieben Kinderglauben frei gemacht. Und ich empfinde diese Jahre des Kampfes als die heiligsten und schönsten und als die feste Grundlage meines Denkens. Darum will ich, daß auch, meine Kinder diesen Kampf durchmachen. Wie ich ihnen nicht vor der Zeit und brutal die Entstehung und Fortpflanzung alles Lebenden klarmachen werde, so werde ich sie auch in religiösen Dingen schonend leiten und hinhalten. Oft werde ich meine Frau antworten lassen, die gläubiger ist als ich, oft werde ich ihnen nur halbe und Viertelswahrheiten sagen können. Ich weiß wohl, was du sagen willst: dies ist Halbheit und Unklarheit. Aber gibt es eine andere Möglichkeit? Diesem Konflikt entgeht kein Vater, ob Jude oder Nichtjude. Wer wünschte melr als ich, wir hätten jüdische Lebensformen abseits der Religion? Aber wir haben sie nicht und können sie nicht willkürlich schaffen. Wenn meine Kinder stark und selbständig genug dazu sind, sollen sie aus eigener Kraft den Kampf mit ihrem Gott durchkämpfen. Adler: Und wenn es ihnen dann ebenso geht, wie es meinem Bruder gegangen ist? Stein: Das wird es nicht. Eben deshalb löse ich so weit als möglich und so früh als möglich die historischen Formen des jüdischen Lebens vom Religiösen los. Dem orthodoxen Juden kann seine ganze Welt auf einmal zusammenstürzen. Dem in meinem Sinne national Erzogenen haben — wie mir! — die nationalen Lebensformen und was hinter ihnen an Ideengehalt steht ihr eigenes Leben, ihre eigene Schönheit und ihren eigenen von der Religion unabhängigen Sinn, Adler: Wenn aber eines Tages deine Kinder sich darüber klar werden, daß diese Formen eben nur Formen sind, und wenn die religiöse Grundlage, die ich ihnen durch die Tora gebe, ihnen fehlt, so stehen sie doch vor dem Nichts! Stein: Doch nicht. Das Jüdische ist ihnen bis dahin tief ins Herz gewachsen, und sie lieben es, wie man Eltern und Geschwister liebt, als Genossen der trauten Kindheit. Gerade dann werden sie mit aller Kraft darnach streben, zu verstehen,