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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 249

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Traditionelles und nationales Judentum
Date
1916-07-01
Page
249 (sequence 6)
Language
German
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S. Dubnow: Die Hauptprozesse der neuesten Geschichte der Juden 249 w arum sie das Judentum lieben. Dann sind sie reif zu erfassen, daß tiefe Zusammenhänge sie mit hundert vergangenen Generationen bis hinauf in die Urzeit Israels, in der Auffassung von Gott, Welt, Mensch, Leben, Sittlichkeit verbinden. Sie werden begreifen, daß diese Zusammenhänge in der Gemeinsamkeit des Blutes verankert sind, und daß sie selbst ihr Tiefstes nie anders als in der jüdischen Gemeinschaft erfassen und entwickeln können. Das nenne ich National-Judentum. Es wird sich nie beweisen lassen, es erschließt sich nur dem Auge der Liebe, der Stimme des Blutes. Im Felde Elias Auerbach DIE HAUPTPROZESSE DER NEUESTEN GESCHICHTE DER JUDEN D Aus der in Vorbereitung befindlichen deutschen Ausgabe von S. Dubnows Werk: „Die neueste Geschichte des jüdischen Volkes", 1. EMANZIPATION UND REAKTION. ie neueste Geschichte der Juden in dem Zeitabschnitt zwischen 1789 und 1905, 'vom Beginne der ersten französischen, bis zur ersten russischen Revolution bietet uns zwei einander parallel laufende Reihen von Prozessen. In der politischen Geschichte des Volkes wird die bürgerliche Emanzipation (oder der Kampf um diese) von der Reaktion (einer allgemeinen oder speziell antijüdischen) abgelöst. Dementsprechend geht in der Kulturgeschichte die Ablösung der Assimilation durch die nationale Bewegung oder wohl ein Wetteifern der einen mit der anderen vor sich. Diese zwei Reihen, die ihrerseits ihren Ursprung in den früheren Stadien des geschichtlichen Lebens der Judenheit haben, werden in der Verkettung der Geschehnisse der neuesten Geschichte durch zahlreiche Fäden ineinander verwoben. Der Ausdruck „Emanzipation" zur Bezeichnung einer auf gesetzgeberischem Wege durchgeführten rechtlichen Gleichstellung der Juden mit allen anderen Bürgern des Landes ist ein Erzeugnis der neuesten Zeit. Unter der Herrschaft der alten Gesellschaftsordnung, in der die Juden die Stellung nicht einer Gruppe von Bürgern, sondern die einer außerhalb der Bürgerschaft stehenden Kaste einnahmen, die vom Staate kraft einer besonderen Vergünstigung ein beschränktes Quantum von Rechten zuerteilt bekam, konnte wohl die Rede von Rechten, nicht aber von einem Rechte, von bürgerlicher Gleichberechtigung sein. Erst mit dem Momente des Entstehens des modernen Rechtsstaates, der den alten Polizei- und Ständestaat ablöste, konnte die „Emanzipation" zu einem politischen Faktum werden. Dieser Moment trat in Europa für Frankreich im Jahre 1789, für die anderen Länder des Westens im Verlaufe des 19., für Rußland tritt er im 20. Jahrhundert ein. In dem Maße, als die neue konstitutionelle Ordnung in verschiedenen Ländern Wurzel faßte, ging der Emanzipationsprozeß in der Regel durch eine ganze Reihe von Stufen hindurch.*) Schon *) Abseits von diesem Kontinentalsystem der Emanzipation steht England, dessen Politische Ordnung sich in keiner Abhängigkeit von den Revolutionen der neuesten Zeit sich befindet. Die Judenemanzipation, die hier dem Emanzipationskampf der englischen Katholiken nahekommt (1829), mit dem sie teilweise in einem geschichtlichen Zusammenlag steht, trug einen besonderen religiösen Charakter.

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