Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Traditionelles und nationales Judentum
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 247 (sequence 4)
- Language
- German
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Traditionelles und nationales Judentum 247 Verdienstes, bin ich dem gesetzestreuen Judentum immer mit Verständnis und warmer Sympathie entgegengekommen. Herz (gereizt): Natürlich, die Orthodoxie ist das allein wahre Judentum! Was Sie da erzählen, Herr Doktor, mag ja sehr interessant sein, ich frage mich nur vergeblich, was da» alles mit dem Problem der jüdischen Erziehung zu tun hat. Stein: Das sollte doch jetzt klar sein: Ich sehe in der Festhaltung und Überpflanzung dieser Bräuche einen wesentlichen Teil der jüdischen Erziehung. Es kommt alles darauf an, dem Kinde durch eine Art jüdischen Milieus, in dem es täglich lebt und atmet, eine feste Gefühlsgrundlage zu geben. Und wir haben dafür — leider! sage auch ich — keine andere Form und Ausdrucksmöglichkeit als diese historisch entstandene und mit religiösem Gewände bekleidete. Herz: Und das nennen Sie „jüdische Erziehung"? Ich muß sagen, daß ich mir doch unter „jüdisch" etwas weniger Äußerliches vorstelle. Gibt es denn wirklich nichts in Idee und Geschichte, was wir als „jüdischen Geist" bezeichnen können? Sollte es nicht die höchste Aufgabe der Erziehung sein, die einzigartige Rolle, die das jüdische Volk in der Geschichte der Menschheitskultur gespielt hat, der kommenden Generation einzuprägen? Das Wesen des Judentums sehe ich in der Betrachtung alles Irdischen unter dem Gesichtswinkel des Sittlichen. Das wäre also zur Grundlage der Erziehung zu machen. Andere, deren Meinung ich nicht teile, sehen die Aufgabe des Judentums in der Verbreitung der reinen Gottesidee. Aber diese Anschauung ist mir immer noch sympathischer als Ihre rein formalistische Erziehung, die sich nur an Äußerlichkeiten hält. Und selbst diese Formen, meine ich, müssen neue moderne sein und mit dem Überlebten brechen. Warum sollen wir nicht auf das Gemüt des Kindes wirken können, indem wir ihm von den Makkabäern, von der Zerstörung Jerusalems, vom Auszug aus Ägypten erzählen und es damit direkt auf das Wesentliche hinleiten? Stein: Und ich wiederhole: Es liegt kein innerer Gegensatz zwischen uns. Ich habe nur von alledem nicht gesprochen. Selbstverständlich müssen auch in allem Menschlichen die Eltern durch Leben und Lehre Wegweiser sein, und ebenso in dem, was Sie jüdische Ideen nennen — sobald das Kind dafür reif und empfänglich ist. Glauben Sie denn, daß ich das nicht will? Nur der Weg, um den Weg zum Kindergemüt handelt es sich mir, und darum sprach ich so viel von den Formen. Sie werden Ihrem Kinde nicht Weltanschauung beibringen wollen, indem Sie ihm wissenschaftlich den Werdegang des Kosmos vom Nebelfleck zur tierischen Zelle dozieren. Wie Mythos und Märchen für die Völker an der Schwelle des erwachenden Bewußtseins stehen, so für das Kind Symbol und Phantasie. Auch ich werde meinen Kindern von den Makkabäern erzählen, aber zuerst will ich in ihren Augen den Widerschein des Chanuka-Leuchters sehen, und lasse ihr Ohr sich mit dem dröhnenden Rhythmus des Maos-Zur füllen. Ich schätze auch Ihre modernen Trauerfeiern am Tage der Zerstörung Jerusalems — aber ich nehme raein Söhnchen an diesem Abend in eine Synagoge alten Stils, setze mich mit ihm auf das niedere Trauerbänkchen, die Kerze in der Hand, und lasse es der schwermütigen Weise des unsterblichen Klageliedes lauschen. Und am Sederabend sitze lch als König an der Tafel und lese aus der Hagada, diesem Wunderbuch jüdischer Erziehung, vom Auszug aus Ägypten. Da komme ich dann an die Stelle: „Wenn dein Kind dich fragt: was bedeuten alle diese Bräuche und Satzungen? dann sollst du ihm erzählen ..." Verstehen Sie jetzt, Herr Herz, wie ich es meine? Die Kinder