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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 246

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Traditionelles und nationales Judentum
Date
1916-07-01
Page
246 (sequence 3)
Language
German
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246 Elias Auerbach: zeigen wollte und an Dutzenden von andern zeigen kann, das ist das eigentümliche Verhältnis dieser Gebräuche, die ihr religiöse nennt, grade zur nationalen jüdischen Erziehung. Adler: Verzeih mir, aber ich sehe eine hartnäckige Verstocktheit darin, daß du alle diese Dinge, die für uns Halacha TMosche mi-Sinai, Gottes Gebote an Moses sind, durchaus nicht zur Religion rechnen willst. Stein: Und doch ist es so; und ich bin überzeugt, daß ich damit nicht an das Innere deines Glaubens rühre, was mir durchaus fern liegt. Wir werden uns vielleicht besser verstehen, wenn wir die historische Entstehung aller dieser „religiösen" Gebräuche betrachten. In ihrer heutigen Form sind sie das Produkt von Mischna und Talmud — Adler: Die doch aber nichts anderes sind als die Festlegung der mündlichen Überlieferung, die weitere Ausdehnung des schon in der Thora Gegebenen! Stein: Darüber will ich mit dir nicht streiten. Das Entscheidende ist, daß erst mit der Aufhebung des lebendigen nationalen Gemeinwesens das Bedürfnis entstand, den ehemals flüssigen nationalen Lebensformen eine feste für alle Juden verbindliche Gestalt zu geben. Aber diese Gestalt verhält sich zum ursprünglichen nationalen Brauch wie das Ornament zur lebendigen Blume, wie ehernes Hofzeremoniell zu freier Höflichkeit, wie jedes geschriebene Gesetz zum wandelbaren Gewohnheitsrecht. —1 Auch hier ein paar Beispiele. Die Laubhütte hat auf einem Großstadtbalkon gar keinen, auch keinen religiösen, Sinn; aber in Palästina kannst du sie zur gleichen Zeit in jedem Weinberg, in jedem Olivenhain finden, und als Symbol unseres einstigen Bauernlebens ist sie rührend und bewundernswert. Überhaupt das Laubhüttenfest! Es zeigt klarer als lange Erörterungen, was ich meine. Damals zogen nach vollbrachter Wein- und Obsternte fröhliche Scharen mit Blumensträußen und Zweigen geschmückt durch die Straßen — jetzt ist aus dem Feststrauß der stilisierte Lulab und der mit ängstlichen Vorschriften umhegte Ethrog geworden. Und aus dem bacchantischen Reigen — ein siebenmaliges Umschreiten der Synagoge! Herz: Verstehe ich Sie recht: alle diese Gebräuche sind eingeführt worden, um nationale Sitten, wenn auch in veränderter Form, zu erhalten. Meinetwegen, obwohl ich allerlei Bedenken habe. Aber wozu die religiöse Einkleidung, die sie mir und Tausenden sonst unannehmbar macht? Stein: Ja, in welcher Form hätten sie sonst über zweitausend Jahre hinweggerettet werden können? Welche Autorität stand nach dem Falle der staatlichen unseren weisen Gesetzeslehrern zu Gebote als eben die religiöse? Ich bin sogar überzeugt, daß diese Schöpfer der Mischna bei ihrem Werke, wenn auch wohl nicht ganz bewußt, von nationalen Tendenzen sich leiten ließen. Adler: Na, na! Stein: Es läßt sich kaum ein schlagenderer Beweis dafür denken als die Tatsache, daß Jochadan ben Sakkai und sein Sanhedrin unmittelbar nach dem Falle Jerusalems die bis dahin so rührige Propaganda des Judentums verboten und den Eintritt in die jünische Gemeinschaft aufs äußerste erschwerten. Ohne diese merkwürdige Maßregel hätte nicht das Christentum, sondern das Judentum die Welt erobert — aber das Judenvolk wäre verschwunden. Das Judentum war eine Universalreligion, aber es wurde durch das Zeremonialgesetz national. Und nicht irgendwelche Glaubenslehren, sondern diese Festlegung nationaler Bräuche hat das Judentum in der Zerstreuung erhalten. Deshalb, lieber Josef, wegen dieses historischen

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