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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 245

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Traditionelles und nationales Judentum
Date
1916-07-01
Page
245 (sequence 2)
Language
German
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Traditionelles und nationales Judentum 245 wird, oder ernster gesagt, wenn die Erziehung mit 13 oder 14 Jahren zu beginnen hätte, wo die Kinder solchen Überlegungen frühestens zugänglich sind. Aber bis dahin ist meist alles entschieden! Im Kindesalter, ja im frühen Kindesalter ist der unerschütterliche Grund zu legen, Sie, lieber Herz, verwechseln Ziele und Wege der Erziehung. Das Problem liegt viel tiefer, als Sie wohl glauben: nicht in der verstandesmäßigen Erkenntnis, sondern in der Phantasie, im Gefühl, in der dunkeln Kindheitserinnerung, in der triebhaften Liebe liegen die Lebenswurzeln des Judentums. Erziehung ist nicht Überpflanzung der Lehre, sondern Überpflanzung des Lebens. Adler: Sehr richtig! Du sprichst aus, Max, jvas ich unbewußt gefühlt und in meiner Erziehung befolgt habe. Eben das will ich-- Herz: Ich gebe zu, Herr Doktor, daß ich in Ihren Worten Wahrheit empfinde. Adler: Lassen Sie mich aussprechen, Herr Herz! Denn jetzt habe ich unseren Freund da, wo ich wollte. Eben das will ich ja auch, und das ist ja das Wundervolle am Judentum, wie ich es verstehe: daß die jüdische Lehre täglich und stündlich neu zum lebendigen Erlebnis wird. Wie es so schön in der Thora heißt: „wenn du sitzest in deinem Hause, wenn du gehst auf dem Wege, wenn du dich legst und wenn du aufstehst. Binde sie als Zeichen an deine Hand, als Stirnbinde über deine Augen, schreibe sie an die Pfosten deines Hauses und an deine Tore." So wird sie ein unzertrennlicher Teil unseres Lebens. Stein: Ich will einmal vom Allgemeinen abspringen und an deine letzten Worte anknüpfen, Josef, um klarzulegen, daß wir trotz gleicher Grundstimmung doch himmelweit auseinander sind. Was habt ihr Frommen aus diesen herrlichen Worten gemacht, die das Leben und Weben im jüdischen Geiste verbildlichen! Ihr habt eine Arm- und Stirnbinde konstruiert und in endlosen Spitzfindigkeiten erörtert, ob sie nach Raschi oder nach Rabbenu Tarn anzulegen sind; ihr habt Pergamentrollen an eure Pfosten geheftet, auf denen nach Art von Amuletten bestimmte Schriftverse stehen müssen. Kurz, ihr habt buchstäblich verstanden, was dichterisches Gleichnis ist. Adler: Du wagst es, all diese Dinge bildlich aufzufassen? Stein: Ich wage es, weil ich die Sprache des Orients zu verstehen glaube. Herz: Aber Herr Doktor Stein, ich habe — nicht ohne Lächeln — an Ihrer eigenen Tür eine Mesusa bemerkt! Adler: Nun, Herr Freigeist? Stein: Gewiß. Es ist ein Zeichen, das jedem sagt: hier wohnt ein Jude. Aus dem gleichen Grunde stelle ich am Chanukah-Fest meinen Leuchter ins Fenster, wie die alte Vorschrift es will: hier wohnt ein Jude. Herz: Wäre es nicht einfacher, Sie schrieben auf Ihr Schild: Dr. Stein, Arzt u*d Jude? Stein: Spotten Sie nicht, mein Lieber; Sie empfinden selbst sehr wohl den Unterschied zwischen einer protzigen Demonstration und einem ernsten und sinnigen Symbol. Als mein Töchterchen mich das erste Mal wegen der Mesusa fragte, da sagte ich ihr: Seit wir Juden in alle Länder der Welt zerstreut sind, haben wir dieses Zeichen festgesetzt, an dem wir uns als Brüder erkennen. So lernt sie in einem den Schmerz und den Stolz des Judentums fühlen. Adler: Jetzt sind wir mitten in einer religiösen Debatte und ganz von unserem Thema abgekommen. Stein: Doch nicht so ganz, mein Lieber! Was ich nämlich an diesem Beispiel

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