Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Traditionelles und nationales Judentum
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 244 (sequence 1)
- Language
- German
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244 Elias Auerbach: TRADITIONELLES UND NATIONALES JUDENTUM Ein Gespräch über jüdische Erziehung Personen: Josef Adler, ein frommer Kaufmann! _ , _ 1 1jL Dr. Max Stein, Arzt ) Jugendfreunde, 35 Jahre alt Alfred Herz, Referendar, 23 Jahre alt Adler: Nun, streiten wir doch nicht über Dinge, in denen wir einig sind. Die Erhaltung des Judentums wollen wir alle. Nur meine ich, in diesen ernsten Fragen soll man keine Experimente machen und keinen Modeströmungen folgen. Unsere heilige Thora hat uns durch die Jahrtausende geführt, sie muß auch weiter unser Leitstern bleiben. ,,Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten." Stein (sehr ernst)--die an ihr festhalten! Josef, du weißt, ich spreche nicht gern davon: aber denke an deinen ältesten Bruder, der dem Judentum den Rücken kehrte — Adler: Grade an ihn denke ich jetzt. Damals, ich war achtzehn Jahre alt und schwankte selbst, damals habe ich mir geschworen, treu zum alten Glauben zu halten und meine Kinder in ihm zu erziehen. Nur das kann uns retten. Stein: Und doch, siehst du, obwohl auch er von eurem frommen Vater im selben Sinne erzogen wurde, ist er abtrünnig geworden. Ich will dir dein Herz nicht schwer machen; aber wer bürgt dir, daß deine Kinder dir folgen? Herz: Das ist's ja, was ich immer betone. Die religiöse Erziehung kann heutzutage kein Bollwerk des Judentums mehr sein, weil alle Glaubenslehren der Auflösung verfallen sind. Und wollen Sie alle die Tausende fallen lassen, bei denen überhaupt keine religiöse Grundlage mehr gegeben ist? Ich zum Beispiel: ich habe in meinem Elternhause nichts Jüdisches gesehen und bin doch durch das Nationaljudentum ein ganzer und begeisterter Jude geworden. Und deshalb meine ich: eine nationale Erziehung müssen wir den Kindern geben, um sie wirklich und endgültig dem Judentum zu erhalten. Stein: Lieber Herr Herz, Sie haben noch keine Kinder. Und deshalb, Sie verzeihen, scheint mir Ihre „nationale Erziehung" doch ein sehr theoretisches Gewächs zu sein. Bitte: erläutern Sie mir doch einmal, wie Sie sich die nationale Erziehung denken. Herz: Aber Herr Doktor, Ihnen, einem führenden Manne der nationalen Bewegung, brauche ich doch nicht auseinanderzusetzen. .. Stein: Doch, doch! Wie würden Sie also Ihr Kind zum nationalen Gedanken erziehen? Herz: Nun, um nur einiges zu nennen: es muß die Geschichte unserer Väter kennen, es muß lernen und verstehen, daß die Juden der ganzen Welt zusammengehören, vor allem, daß sie für ihre Zukunft gemeinsam eintreten müssen, daß die Judenfrage nur in unserer Heimatlosigkeit und Zerstreuung ihre Ursache und nur in einem nationalen Gemeinwesen ihre Lösung hat. Stein: Sehr schön, sehr schön — wenn Ihr Herr Sohn gleich als Student geboren