Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die Bodenkultur bei den Juden
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 242 (sequence 6)
- Language
- German
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242 J. Oettinger: Betriebszweigen greift und gern alles auf die eine Karte setzt, die ihm die besten Chancen, trotz des großen Risikos der Monokulturen, zu bieten scheint, so kommt doch ein Zeitpunkt, wo auch der jüdische Bauer, wie jeder andere, im Boden vor allem das Produktionsmittel erblickt. Allmählich bringt ihm die Erfahrung auch das Verständnis bei für die Heilsamkeit der wirtschaftlichen Vielseitigkeit, im Gegensatze zum Va-banque der einseitigen Kulturen, Er eignet sich in mancher Hinsicht bäuerliche, am Bestehenden sich festklammernde Denkart an, aber er verbindet damit jüdische angeborene Regsamkeit des Geistes und die vollste Würdigung allgemeiner Bildung und spezifisch-jüdischer Kultur. Wo für letzteres seitens nationalgesinnter Vereinigungen gesorgt wird, zeigen sich jüdische Bauern und Landarbeiter für das Aufnehmen jüdisch-nationaler Ideale äußerst empfänglich. Sie werden mit der Zeit das stärkste Bollwerk im Kampfe gegen die volkstötende Assimilation darstellen. Aber das Wertvollste, was die Rückkehr zur Mutter Erde in so kurzer Zeit bei uns Juden hervorgebracht hat, ist wohl die bei den palästinensischen jüdischen Landarbeitern wachgerufene Liebe zur Arbeit. Es ist keine Liebe zu reichen Erträgen und zu schönen Naturprodukten. Es ist eine uneigennützige und opferfreudige Liebe, eine abgöttische Verehrung der Arbeit der eigenen Hände, ein bis zum Fanatismus gesteigerter Glaube an das Heil der Arbeit, die den Menschen reinigt und heiligt. Diese Fanatiker träumen davon, die Liebe zur Arbeit weit und breit unter den Juden zu propagieren. Sie wollen erweisen, daß der mit jüdischem Geld erworbene Boden erst durch jüdischer Hände Arbeit zu jüdischem Boden wird. Sie bringen die schwersten Opfer, um denen, die darüber sich noch keine Gedanken machen, zu beweisen, daß nur das Heranziehen möglichst vieler jüdischen Arbeiter der jüdischen Siedlungstätigkeit eine feste Grundlage verleihen wird. Neben dem Triebe zur körperlichen und psychischen Gesundung wird die Idee der jüdischen Bodenkultur noch durch andere wichtige Momente gefördert. Zu den Beweggründen volkshygienischer Natur gesellen sich soziale, ökonomische und nationale Triebkräfte hinzu. Die geringe Mannigfaltigkeit jüdischer Berufsarten, die Beschränkung des größten Teiles der Juden auf städtische, wenig oder gar nicht produktive Erwerbszweige, das bisherige Fehlen einer ökonomisch-kräftigen landwirtschaftlichen Schicht — diese Tatsachen führen zum Streben nach der sogenannten „Umschichtung der Berufe". Die bisherigen, in dieser Hinsicht im Laufe weniger Jahrzehnte erzielten Ergebnisse haben dargetan, daß wir die schönsten Aussichten haben, bei zielbewußtem weiteren Fortschreiten auf diesem Wege beträchtliche Elemente des jüdischen Volkes zur Formierung der uns als lebensfähigem Volk unumgänglichen Schicht heranzuziehen. Die ökonomischen Perspektiven haben sich ebenfalls in den verschiedenen Ländern, wo der Versuch, den Juden die Bodenkultur zugänglich zu machen, unternommen wurde, als recht günstig erwiesen. Die nationalen Motive finden endlich ihren Ausdruck in dem Vorzuge, den tausende und abertausende Juden, die der rasch wachsenden zionistischen Bewegung sich angeschlossen haben, der landwirtschaftlichen Besiedelung Palästinas geben. Man befaßt sich gegenwärtig, von diesen verschiedenen Beweggründen geleitet, fast in allen Ländern der jüdischen Zerstreuung mit dem Problem der Propagierung