Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die Bodenkultur bei den Juden
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 241 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Bodenkultur bei den Juden 241 und Tritt ausgezeichneten Kennern und Liebhabern schönen Rindviehs und rassereiner Pferde. Wer durch jüdische Kolonien gewandert ist, hat Bilder in sich aufgenommen, die ihm, wenn er noch so skeptisch gestimmt war, alle Zweifel an der Möglichkeit einer jüdischen Regeneration auf der Grundlage der Bodenkultur benommen haben. In Rußland finden wir in den Kolonien der südlichen Gouvernements Cherson, Jekaterinoslaw und Bessarabien, die seit 80—90 Jahren bestehen, ein hochgewachsenes, breitschultriges Geschlecht von Judenbauern, welches sich durch nichts als durch seine höhere Intelligenz von der umgebenden bäuerlichen, russischen und moldauischen Bevölkerung unterscheidet. In Argentinien können wir die zur nächsten Schule auf halbgebändigten Pferden galoppierenden Jungen und Mädchen bewundern, denen die Pampasluft die Brust erweitert und den Mut des Gaucho einflößt. In Palästina lernen wir den prächtigen Pioniergeist der jüdischen Arbeiter kennen, die angekauftes Land erst durch ihre Okkupierungsarbeit für das jüdische Volk unter Opfern und den schwersten Entbehrungen erobern. Dort sieht man auch Arbeiterinnen, die nach absolviertem Gymnasialstudium in den Arbeitergenossenschaften den Obliegenheiten von Stubenmädchen und Köchinnen sich unterwerfen, um auf diese Weise der Pionierarbeit Vorschub zu leisten. Stundenlang kann man dort den Kindern in den Schulen und Kindergärten der Kolonien zuschauen» die mitten in der herrlichsten Natur, in einem ihnen bereits zur Muttersprache gewordenen, harmonisch und lieblich klingenden Hebräisch fröhliche Spiele treiben, wie sie nur wirkliche Naturkinder ersinnen können. Falls der Wanderer durch jüdische Siedlungen für ethnographische und völkerpsychologische Beobachtungen einen Sinn hat und für die unter dem Einfluß der Umgebung und der Berufsart wechselnden Lebensgewohnheiten sich interessiert, so kann er bereits Zeichen der beginnenden Anpassung an die landwirtschaftliche Lebensart und bäuerliche Denkweise in den jüdischen Dörfern wahrnehmen. Langsam legt der aus der Stadt ins Dorf eingewanderte Jude seine städtische Kleidung ab, und nur ganz allmählich schafft er sich und seiner Frau für ihre Lebensweise geeignetere, den Verhältnissen der Gegend besser angepaßte einzelne Trachtstücke an. Die ständig im Feld und im Garten beschäftigten Arbeiter unterwerfen sich aber recht bald den lokalen Anforderungen in dieser Beziehung. Die jüdischen Wächter in Palästina, die der Wächterorganisation „Haschomer" angehören, haben die pittoreske Beduinentracht angenommen, und die Kolonistensöhne *n Argentinien haben die schmucke, bequeme Gaucho-Reiterkleidung angelegt. In bezug auf Nahrungsgewohnheiten fällt es dem früheren Städter schwer, sich von manchem loszusagen, was ihm zur zweiten Natur geworden ist. Aber die Anfänge gesünderer Auffassungen sind auch auf diesem Gebiete schon vorhanden. Der russisch-jüdische Kolonist, der in neuen Ländern anfänglich hauptsächlich von Tee, Hering und Fleisch sich ernährt, geht nach einigen Jahren zu einem stärkeren Verbrauche von Gemüse, Milch und Eiern über. Und wenn er in der ersten Zeit wenig von diesen Nahrungsmitteln in der eigenen Wirtschaft produziert, so macht er später den Gemüsebau, die Milchwirtschaft und die Geflügelzucht zur Grundlage des Unterhalts seiner Familie. Und wenn im Anfange der jüdische Landwirt geneigt ist, den Boden als Spekuationsobjekt zu betrachten, das im Werte schnell steigt, und wenn er zu einseitigen Heft 4. I7