Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die Bodenkultur bei den Juden
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 239 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Bodenkultur bei den Juden 239 Zur allgemeinen Überraschung hat die in Rußland am Ende des 19. Jahrhunderts vorgenommene Volkszählung die erstaunliche Tatsache erwiesen, daß, trotz aller gesetzlichen Beschränkungen und behördlichen Willkür, ungefähr 200000 Juden in geschlossenen jüdischen Kolonien und zerstreut, unter den russischen Bauern oder auf vorstädtischen Grundstücken, ganz oder teilweise von der Landwirtschaft lebten. Eine genauere, von der ICA veranstaltete Enquete hat im einzelnen festgestellt,, daß sich vor etwa zwanzig Jahren in mehr als 300 Kolonien über 70000 Juden mit verschiedenen landwirtschaftlichen Zweigen, vor allem mit Ackerbau, abgaben, daß über 90000 Seelen, im jüdischen „Ansiedlungsgebiete" zerstreut, intensive Kulturen, wie Gemüsebau, Wein- und Obstbau, Tabakbau und Milchwirtschaft,, betrieben, daß etwa 15000 Juden als Landarbeiter ihren Lebensunterhalt verdienten und daß endlich einige tausend Familien als Pächter oder Besitzer mehr oder weniger großer Grundstücke ihre Einnahmen hauptsächlich aus der Landwirtschaft bezogen. Es hat sich weiterhin herausgestellt, daß die Juden eine ausgesprochene Veranlagung für die intensivsten Kulturen bekunden. Im Laufe des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts hat in den Kolonien und auf städtischem Grund und Boden der südrussischen Gouvernements, namentlich in Bessarabien, der Wein- und Obstbau bei den Juden sichtlich zugenommen. In den bessarabischen Dörfern, wo unter Umgehung der bestehenden Gesetze und zu fast unerschwinglichen Preisen Juden von Großgrundbesitzern und Bauern passendes Land pachten konnten, vermehrten sie von Jahr zu Jahr die Fläche der Tabakkultur, die sich nun zu einem reinjüdischen Produktionszweige ausgebildet hat. Im Jahre 1897 gab es dort etwa 1700 jüdische Tabakpflanzer. Im Jahre 1901 waren es bereits 3800 und 1905 über 8000 Familien, die auf einer Fläche von etwa 3500 Hektaren ausschließlich durch die schwere Arbeit ihrer Familienmitglieder, ihrer Männer, Frauen und Kinder, sich einen bescheidenen Lebensunterhalt sicherten. Diese Tabakbauer sind die betriebsamsten unter allen Juden, die sich der Landwirtschaft während der letzten Jahrzehnte zugewendet hatten. Sie könnten das beste Element zur Besiedelung solcher Gegenden bilden, wo intensive Landarbeit während des ganzen Jahres, wie z. B. in Palästina, getrieben werden kann. Im wesentlichen sind die Handgriffe des Tabakbaus diejenigen gärtnerischer Kulturen, und da haben die Tabakpflanzer für diese Handgriffe eine noch höhere Veranlagung gezeigt als die unter den russischen Juden stetig an Zahl zunehmenden Gartenbauer, Am offenkundigsten aber haben Juden neuerdings ihre Zuneigung zu gärtnerischen Kulturen in Palästina an den Tag gelegt, das für den Gartenbau prädestiniert ist. In Palästina, wo gegenwärtig bereits etwa 12000 Juden in den Kolonien leben, haben sie die schönsten Wein-, Orangen- und Mandelgärten geschaffen. Der Jüdische Nationalfonds hat den Weg zur Aufforstung des Landes betreten. Es bildeten sich bis vor dem Kriege immer neue Pflanzungsgesellschaften zur Anlage von Baumplantagen. Es entstanden Arbeitergenossenschaften, die die Urbarmachung verwahrloster oder durch unrationelle, unaufhörliche Kultur erschöpfter Grundstücke übernommen haben, um sie intensiven Kulturen zuzuführen. Der Weltkrieg hat in Palästina die schöpferische Arbeit auf dem Gebiete des Landbaus nur teilweise aufgehalten. Es ist zu erwarten, daß nach Friedensschluß die dort begonnene