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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 238

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die Bodenkultur bei den Juden
Date
1916-07-01
Page
238 (sequence 2)
Language
German
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238 J. Oettinger: In seinen geistigen Schöpfungen, in seinen Reminiszenzen aus der Zeit des eigenen Staates, in den talmudischen Erläuterungen zum Pentateuch und zu den Propheten, ist es, durch alle Jahrhunderte seiner Zerstreuung der Bodenkultur treu geblieben. Der Ruf „Zurück aus der Stadt ins Dorf" ist aber in letzter Zeit erst durch äußere Einflüsse in die jüdischen Massen gedrungen. Die Rückkehr zu landwirtschaftlichen Berufsarten ist in allen Ländern, wo ein starker Abfluß in die Städte sich gezeigt hat, zum Losungsworte neuer Strömungen, verschiedener politischen Parteien und mancher staatlichen Institutionen geworden. Die staatliche und gesellschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiete der sogenannten „inneren Kolonisation" in Deutschland, die Förderung des „Small holding" in England, die überall sich verbreitende Idee der Gartenstädte, die allerwärts zunehmenden staatlichen Maßnahmen zum Schutze des ländlichen Kleinbesitzes — alle diese Tatsachen und Ideen der allerneuesten Zeit haben auch auf uns Juden eingewirkt, haben auch unter uns tätige Propagandisten und Werber des Bodenkulturgedankens hervorgerufen. Doch die kräftigste Propaganda, die auf die Masse direkt eingewirkt hat, stammte von anderen, mächtigeren äußeren Einflüssen. Die Pogrome und die rechtlichen Verfolgungen der Juden in Rußland haben seit nun 35 Jahren den stärksten Anstoß zur Auswanderung und zur Verbreitung der Landwirtschaft unter den Juden gegeben. Während dieser Periode wurde der Anfang gemacht zur neuen jüdischen landwirtschaftlichen Besiedelung Palästinas und sind die bereits recht zahlreichen jüdischen landwirtschaftlichen Betriebe in Argentinien, in den Nordamerikanischen Staaten und Kanada begründet worden. Daneben entstanden fast in allen europäischen Ländern Gesellschaften und national-jüdische Organisationen, die sich die Verbreitung der Bodenkultur unter den Juden zur Aufgabe machten. Die Juden Rußlands waren auch hierin beispielgebend vorangegangen. Vereine zur Förderung der jüdischen Bodenkultur in Palästina und in Rußland selbst wurden bereits in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Odessa und Petersburg begründet. In den neunziger Jahren kamen neue bedeutende kolonisatorische Privatunternehmungen, Gesellschaften und nationale Organisationen hinzu, die in westeuropäischen Ländern gegründet wurden und ihre Tätigkeit auf Palästina und Rußland, auf Süd- und Nordamerika erstreckten. Und gegenwärtig findet man nicht nur in Rußland, sondern fast überall, wo man Juden in gewisser Menge zählt, jüdische Vereinigungen, die die Verbreitung des Landbaus zum Ziele haben. Doch wenngleich erst während der letzten Jahrzehnte der Gedanke jüdischer Landwirtschaft immer weitere Kreise heranzog, ist die tatsächliche Zuführung einer bedeutenden Zahl Juden zum Ackerbau mehr als ein Jahrhundert alt. Und diese Tat stammt von der Regierung desselben russischen Reiches, das später zur Arena der jüdischen Metzeleien und Hetzereien geworden ist. Die russischen Regierungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben im Zeiträume von 1804 bis 1856 mit vollem Ernste die Juden zur Landwirtschaft zurückzubringen gesucht und haben denn auch quantitativ sehr befriedigende Resultate erreicht. Und als die russische Regierung seit 1856 und namentlich seit 1881 mit aller Kraft dem in1 jüdischen Volke schlummernden und nun wachgerufenen Triebe zur Bodenkultur sich widersetzte, da konnten weder die unaufhörlichen Ausweisungen aus den Dorfern, noch die strengsten Verbote, Grund und Boden zu kaufen und zu pachten, noch alle von der Regierung veranstalteten oder gutgeheißenen Pogrome die Weiterentwicklung der erwachten Neigung zurückhalten.

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