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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 236

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
Date
1916-07-01
Page
236 (sequence 4)
Language
German
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236 Jakob Leszczynski: Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens werden und die Erdarbeit unter den Juden immer mehr Anhänger erhalten." *) Die Verfasser dieses Gesuchs haben sich gewiß keine klare Rechenschaft gegeben, wieviel historischer Sinn und soziologische Voraussicht ihr „Programm" der „Herstellung eines Gleichgewichtes" im jüdischen Leben in sich trug. Der ganze Erneuerungsprozeß des jüdischen Volkes während der letzten hundert Jahre war — im Volke unbewußt, bei der nationalen Intelligenz, beginnend mit den ersten Maskilim und endend mit den Zionisten und Territorialisten, bewußt vollkommen durchdrungen von dem zentralen Willen und Gedanken, das verlorene Gleichgewicht unter den verschiedenen Teilen des Volkes herzustellen, die einseitige jüdische Ökonomik vielseitiger und erfüllter zu machen, den ehemaligen nationalen Organismus, aus dem eine schwache zusammenhanglose eingliedrige Klasse geworden war, zu seiner früheren ökonomischen Selbständigkeit zurückzuführen. Aus den wenigen Einzeltatsachen, die wir brachten, wird klar genug, daß das Streben der russischen Juden nach Erde, die Sehnsucht nach der „Scholle" und ihrem Glück und Segen nicht von außen kam, nicht durch die Vergünstigungen und schönen Versprechungen veranlaßt war, die die Regierung den Kolonisten gab und noch mehr bloß zusagte, und gewiß nicht von den Bibel- und Talmudstellen herstammt, die die Maskilim hervorsuchten, um die Erdarbeit, die im Getriebe des Mäkler- Galuth in den Augen des ganzen Volkes verächtlich geworden war, wieder zu Ansehen zu bringen. Die Notwendigkeit, zur produktiven Arbeit überzugehen, mußte einen Teil des Volkes zur Landwirtschaft treiben. Und wenn bei den unmöglichen Bedingungen in Rußland (anfangs gab man nur in fernen öden Gegenden Boden, bald hört man auch dort damit auf, ferner die Unmenge Beschränkungen, die den Juden vom Dorf im allgemeinen und von der Erde im besonderen fernzuhalten zum Ziel haben) während des 19. Jahrhunderts trotzdem nahezu zweihunderttausend Juden nach Unterhalt aus der ersten Naturquelle, der Mutter Erde, strebten, ist es ein unzweifelhaftes Zeichen, daß das Bedürfnis nach Erde ein tiefes historisches Muß war, und daß es noch in viel größerem und stärkerem Maße bestand, als die Befriedigung davon zu erzählen vermag. Wir gehen jetzt nicht näher auf die subjektiven Störungen ein, die auch bei günstigen äußeren Bedingungen den Übergang des Juden zur Erdarbeit erschweren mußten und noch heute erschweren, des Juden mit seinem Berg von ererbter städtischer Psychologie und Tauschgewohnheiten. Wenden wir uns zur Farm- und Kolonisationsbewegung in Amerika, so müssen wir sie als natürliche Fortsetzung des Strebens nach Erde unter den russischen Juden in der alten Heimat betrachten. Die äußeren Bedingungen hatten sich aber stark geändert. Die psychischen Hemmnisse auf dem Wege zur Erdarbeit sind auch in Amerika noch groß genug, aber sie werden dort schon dadurch abgeschwächt, daß der amerikanische Jude nicht mehr in der historischen Mäklerluft lebt und sich nicht mehr unter dem Einfluß der historischen Tauschatmosphäre befindet. Die guten äußeren Bedingungen helfen aber die psychischen Hemmnisse überwinden, abgesehen davon, daß sie dem Prozeß selbst die Möglichkeit verschaffen, alle seine Kräfte und Tendenzen zu offenbaren. Und wenn wir nach einer Arbeit von zwei Jahrzehnten**) in den verschiedenen Teilen Amerikas ungefähr 65000 Farmer und *) Lerner, „Die Juden in Neurußland" (russisch), S. 19. **) Die Kolonien, die in den achtziger Jahren gegründet wurden, sind fast alle eingegangen. Auf die Gründe ihres Verfalls können wir hier nicht eingehen.

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