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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 234

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
Date
1916-07-01
Page
234 (sequence 2)
Language
German
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234 Jakob Leszczynski: sehen Handwerk und zur Fabrikation über, sei es als bourgeoise Unternehmer oder als Lohnarbeiter. In allen wissenschaftlichen Arbeiten, die noch in den sechziger Jahren angestellt wurden, wird auf die große Zahl jüdischer Handwerker, Fabrikanten, Arbeiter und Lehrlinge hingewiesen. Klarere und wichtigere Daten gibt uns die Volkszählung aus dem Jahre 1897; nehmen wir nur die selbständigen Existenzen der jüdischen Bevölkerung an, d. h. diejenigen, die irgendeine Profession haben, so erhalten wir das Resultat, daß mehr als 53 Prozent aller selbständigen Juden*) zu den arbeitenden Elementen gehören (Landwirtschaft, Handwerk und Fabrikation, Verkehrs- und Fuhrwesen, private Angestellte, Diener und Dienstmädchen, einfache Arbeiter). Vergleichen wir nur zwei Kategorien untereinander: die, welche Handel treiben, also Vermittler, mit denen, die im Handwerk und der Fabrikation tätig sind, also Produzenten, so sehen wir, daß die ersteren insgesamt 31 Prozent, während die letzteren 36,3 Prozent aller selbständigen Juden**) ausmachen. Es ist klar und deutlich, daß wir kein Marktvolk, keine Tausch- und Zwischenklasse mehr vor uns haben. Arbeit, einfache, grobe, physische Arbeit und qualifizierte, höhere geistige Arbeit, aber keine Geistesathletik und intellektueller Sport, der in unseren „Klausen" und Jeschiwahs zu Hause ist, — produzierende und schaffende Arbeit hat die soziale Struktur, den sozialen Inhalt, und auch die sozialen Verhältnisse, die soziale Form des ganzen jüdischen Lebens verändert. Es ist leicht möglich, daß die Kraft der amerikanischen Judenheit gerade darin liegt, daß dort der Prozeß des Übergangs aus der Vermittlerei zur Arbeit viel schneller vor sich ging. Aus einer ganzen Reihe objektiver und subjektiver Gründe wurden der jüdische Luftmensch, der Talmudjünger, der „seidene Schwiegersohn", der Bankrotteur, der Taugenichts und sehr viele andere Elemente, die in der Tscherta wie Schatten umherwandelten, im amerikanischen Kessel rasch umgeschmolzen und fast gewaltsam von der unbarmherzigen geschichtlichen Notwendigkeit an den Arbeitstisch gestellt. Denn der jüdische Makler- und Luftgeist, das jüdische Handel- und Wandelgenie, das eine so glänzende Geschichte hinter sich hat, gibt sich nicht so leicht auf. Einer der jüdisch-amerikanischen Publizisten***) schreibt darüber zum Beispiel: „Der jüdische Arbeiter ist ein Krämer von gestern und ein Pedler von morgen. Der jüdische Kaufmann ist ein Handwerker von gestern und ein sozialer Mischmasch von morgen, weder Geschäftsmann, noch sonst ein Berufsmensch." Dieses pessimistische Zitat zeigt uns nur die Schwierigkeiten des Prozesses, von dem wir sprechen, zeigt uns, wie schwer der in Leib und Seele übergegangene Marktgeist mit den schlimmen Forderungen des neuen Lebens ringt An der Geschwindigkeit des Prozesses kann man trotzdem nicht zweifeln, weil es sichere Daten gibt, die beweisen. Nach dem Zensus des Jahres 1900 gehörte die erwachsene beschäftigte Bevölkerung New Yorks folgenden Berufen an: Von allen Erwachsenen in New York beschäftigten sich mit Handwerk und Fabrikation: Männer 38,04 und Frauen 36,07 Prozent; mit Handel und Verkehr: Männer 36,80 *) B. Bruzkus: „Die professionelle Gliederung der jüdischen Bevölkerung Rußlands (russisch). S. 8. **) Ebendort. Zur Gruppe der Produzenten sind nicht nur die Arbeiter, die eigentlichen Produzenten, gerechnet, sondern auch die Bourgeoisie, die die Unternehmen organisierte; die russische Volkszählung hat nämlich diese beiden Arten nicht unterschieden. ***) J. B. Saluzki im Jubiläumheft der jiddischen Monatsschrift „Zukunft" (New York), Januar 1912, in seinem Aufsatz: „Das jüdische Journal".

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