Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 233 (sequence 1)
- Language
- German
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Jakob Leszczynski: Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens 233 FRAGEN DES OSTJÜDISCHEN WIRTSCHAFTSLEBENS 3. Hundert Jahre sind vorüber — von den „Leck"- und „Schmeck*'-Berufen sind noch genug Überreste vorhanden, soziales Altwerk; der Ansiedlungsrayon krankt noch bis heute an den letzten Resten der früheren „Luftmenschen" und „Spazierstockjuden" — eine traurige Hinterlassenschaft der vergangenen Zeiten, da fast das ganze Volk mäkelte und pachtete; noch jetzt gibt es genug „fröhliche Arme" bei uns und „lustige Bettler", die von Kombinationen, die sie aus der Luft greifen, leben, für die das Sichumhertreiben auf dem Markt an sich eine „Profession" ist; soziale Wesen, die „in der Luft schweben", ökonomische Phantasten nach Menachem Mendels*) Art — ein historisches Nachwehen jenes sozialen Zustandes des Volkes, den Mendele so richtig und künstlerisch charakterisiert hat: „Kaum hört ein Jude, selbst in der Agonie, nur etwas von Geschäft, so wird er lebendig und selbst der Todesengel kann ihm dann nichts anhaben" („Fischke der Krumme")» Diese sozialen, richtiger antisozialen Elemente für die die Wissenschaft keinen Namen hat und die bei keinem einzigen Volk in gleicher Weise zu finden sind, nehmen aber jetzt im jüdischen Leben nicht mehr den ersten Platz ein, sie rückten in einen so fernen und schmalen Winkel, daß man bereits von ihrem Todeskampf, ihren letzten Minuten sprechen kann. Die Volkspsychologie selbst hat sich so stark geändert, daß die „fröhlichen Armen" und „lustigen Bettler", die einst in der jüdischen Gemeinde sehr angesehen waren und die Rolle ökonomischen Kultpersonals, wenn man so sagen darf, spielten, ihren ganzen Reiz und zugleich ihre ganze Fröhlichkeit verloren. Da sie die Verachtung und den Haß des neuen jüdischen Volkes auf sich lasten fühlten, ließen sie die Köpfe hängen. Die weite Fläche des aufblühenden jüdischen Lebensfeldes nahmen bestimmte soziale Stände und Klassen ein — einige schon genügend geformt und auskristallisiert, andere erst im Prozeß des Wachsens und Werdens begriffen und daher noch etwas verwischt und unbestimmt. Die einfache und fast einheitliche Krämerei entwickelte sich und teilte sich in Groß- und Kleinhandel, in Groß- und Mittelindustrie. Das primitive jüdische Handwerk entwickelte sich nicht weniger und differenzierte sich zu Handwerk im engeren Sinn des Wortes und zu Klein- und Mittelfabrikation. Im Rahmen jeder dieser sozialen Gruppen fand eine weitere Gliederung statt —■ es entstand eine jüdische Handelsbourgeoisie und ein jüdisches Handelsproletariat; es entwickelte sich ein Jüdisches Klein- und Mittelindustriebürgertum und zusammen mit ihm ein jüdisches Fabrik- und Werkstättenproletariat. In Rußland wandten sich zweihunderttausend Juden der Landwirtschaft zu und in verschiedenen Teilen Amerikas und in Palästina wuchs im Verlauf der letzten Generation die Zahl der Kolonisten und Farmer bis zu 75ooo an**). Die große Masse der „Lediggeher" und „Sterngucker" ging zum jüdi- *) Held einer bekannten Erzählungenserie von Scholem-Alejchem. **) Die amerikanischen und palästinensischen Juden sind mit einbezogen, da hier von allen Ostjuden als einem Organismus die Rede ist. Es ist hier nicht der Platz, diese meine Auffassung zu begründen.