Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die deutschen Juden in der deutschen Politik
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 231 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Die deutschen Juden in der deutschen Politik 231 bare Angleichung an jüdisches Wesen aus auf die Kreise — persönliche und sachliche —, die mit ihnen in besonders enger Berührung stehen. Es liegt nahe, Gedanken dieser Art auch auf das Nationaljudentum anzuwenden, bei dem sich ja die jüdischen Züge noch stärker bemerkbar machen müssen. Nun ist es auffällig, daß gerade von den Stellen, die das Deutschtum gegen diese Wirkungen besonders lebhaft in Schutz zu nehmen und damit die stärksten Angriffe gegen das Judentum zu verbinden pflegen, häufig und besonders in Diskussionen mit Nationaljuden hervorgehoben wird, ihre Gegnerschaft richte sich nicht gegen das nationale Judentum, sie sei gegen das gleichgewichtslose, verzerrte und eben darum verzerrend wirkende Judentum gerichtet, womit dann mitunter Komplimente für die Nationaljuden verbunden werden, die von diesen — peinlich empfunden — nur mit Mühe abgewehrt werden können. Man wird prüfen müssen, ob diese veränderte Haltung nicht daher zu verstehen ist, daß das Nationaljudentum, obwohl es selbstverständlich immer in besonderem Maße jüdisch wirken muß, doch Empfindungen anderer Art hervorruft. Ein Teil der Erklärung liegt in dem schon früher erwähnten Umstand, daß der nationale Gedanke die Juden frei machen muß von den tendenziösen Voraussetzungen, mit denen die herkömmlichen Ansichten der deutschen Politik gegenübertreten, und sie deswegen auch zum besseren Verständnis von Forderungen und Zielen befähigt, die aus der geschichtlichen und natürlichen Eigenart des deutschen Volkes aufgestellt werden. Ein unmittelbar damit zusammenhängender Gedanke ergibt noch deutlicher den Vorzug des nationalen vor dem assimilantischen Judentum. Der nationale Jude ist nicht in der Gefahr, sich in andersgearteten Wesen zu verlieren. Er scheidet sich — im Verhältnis zum assimilantischen Juden — in erheblichem Maße vom Deutschtum. Er bescheidet sich in den innersten Angelegenheiten seines Herzens auf sein eigenes Gebiet, und damit können von ihm nicht mehr die verwirrenden und ablenkenden Wirkungen ausgehen, mit denen die restlose Hingabe assimilantischer Juden die Schöpfungen einer wesensverschiedenen Art versetzen kann. Der nationale Jude gewinnt, was dem assimilantischen Juden am meisten fehlt, inneres Gleichgewicht. Das lehrt ihn Takt gegenüber den Fragen, in denen das nationale Empfinden zu entscheiden hat; er wird hier nicht in geschäftiger Teilnahme seine Stimme erheben, sondern wissen, wo er sich zurückzuhalten hat. Wenn ihn einerseits sein nationales Verständnis — das doch nicht chauvinistisch ist: die Juden haben noch zu wenig von ihren Leiden vergessen, um chauvinistisch sein zu können — zu besonderer Würdigung deutschen Geistes und deutscher Geschichte befähigt, so gibt es ihm andererseits den Instinkt, der ihm anzeigt, wo seine Mitarbeit eine Trübung im deutschen Sinne bedeuten muß. Die Verstärkung, die das jüdische Wesen unzweifelhaft durch den Nationalismus erfährt, ist also nicht mit einer Beeinträchtigung deutschen Wesens verbunden. Von der Tatsache, daß in gewissem Umfange Vermischungen stattgefunden haben, ^t schon gesprochen worden. Jedoch wird man — um das oben zurückgehaltene Urteil nachzuholen — sagen müssen, daß auch die Assimilation niemals in die Tiefe des deutschen Wesens hineingereicht, daß ihre, das eigentliche Bild trübenden Erscheinungen vielmehr immer nur einen geringfügigen und leicht löslichen, in aUen ernsthaften Bewegungen verschwindenden Teil der Oberfläche gebildet haben. Noch viel weniger kann, nach dem eben Gesagten, das nationale Judentum eine Gefahr für deutsches Wesen werden. Die Juden bedeuten für Deutschland eben-