Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die deutschen Juden in der deutschen Politik
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 232 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Moritz Bileski: Die deutschen Juden in der deutschen Politik sowenig in den einzelnen, konkreten Entscheidungen der praktischen Politik wie in den allgemeinen Grundanschauungen, aus denen sich die Richtlinien der Politik ergeben, eine polnische Frage. Auch die schärfste Beurteilung wird nicht behaupten können, daß die Betonung der jüdischen Sonderart deutsche Gebiete, weder des Landes noch des Geistes, für sich zu beanspruchen droht. So wenig, wie der jüdische Nationalismus politische Gestaltungen hervorbringen kann, die geeignet wären, einen „Staat im Staate" zu bilden, so wenig können seine allgemein-kulturellen Wirkungen die Kreise des deutschen Geistes stören. Dort, wo jüdischer Geist ein Zentrum bilden soll, in Palästina, kommt ein Eindringen in den Herrschaftsbereich deutscher Kultur nicht in Frage. Und allein diesem Ziel kann das Streben der nationalen Juden gelten, ihm müssen sich alle Kräfte widmen. Das verlangt die Schwierigkeit der Aufgabe ebenso wie ihre Eigenart, daß nur dieser Weg Befriedigung geben kann. Was an neuem jüdischen Leben wächst, hat dort, auf dem Boden, auf dem allein es sich voll entfalten kann, keine Gelegenheit zu einem Gegensatz mit deutschen geistigen Interessen. Und die Ausstrahlungen, die von diesem Mittelpunkt belebend auf das Diaspora-Judentum ausgehen werden, sind nur geeignet, die in Deutschland lebenden Nationaljuden mit Palästina zu verbinden. Sie können aber niemals in die innerlichen Angelegenheiten des deutschen Geistes eindringen oder sie gar zurückdrängen. Es bleibt also für den deutschen Beurteiler das Ergebnis übrig, daß der Nationalismus die jüdische Sonderart klar herausstellt und mit tätigem Leben erfüllt, ohne jedoch damit der Vollendung deutscher Gedanken entgegenzuwirken. Die Tatsache der jüdischen Besonderheit an sich kann jedoch den Wert der Juden für die Politik gerade bei den deutschen Politikern nicht herabmindern, die Weltpolitik treiben wollen und die entscheidenden Ergebnisse dieser schicksalsschweren Tage darin erblicken, daß die Möglichkeiten hierzu durchgesetzt werden. Wer diese Ziele vertritt — und es gibt nicht allzuviel politisch interessierte Deutsche, die das nicht tun — wird sich der Anschauung nicht verschließen, die in Äußerungen führender deutscher Geister wiederholt zum Ausdruck gekommen ist, solcher, deren Wirken seit langem der Theorie und Praxis der politischen Fragen gewidmet ist, wie derer, die von ihrem andersgearteten Schaffensgebiet her, durch den politischen Gehalt der Zeit veranlaßt, zu den Grundfragen Stellung nehmen: daß gerade die heute vor sich gehende stärkste Lebensäußerung des deutschen nationalen Gedankens nicht von nationaler Unduldsamkeit, sondern von Anerkennung und Förderung anderer nationaler Sonderheiten begleitet sein müsse. Dieses Verständnis für das Wesen anderer Nationen und seine Beziehung zür deutschen Politik ist in klarer Weise von Naumann formuliert worden, der auseinandergesetzt hat, daß die für Deutschland vorgeschriebene Entwicklung nicht möglich sei ohne eine gewisse Arbeitsgemeinschaft mit anderen Nationen, die aber deren liebevolle Anerkennung in ihrer Sonderheit zur Voraussetzung habe. Dieser Geist, der gerade für das freie Wachsen des Deutschtums eine Mitarbeit anderer Nationen an der deutschen Politik für erforderlich hält, sieht also in ihrer Eigenart keinen Hinderungsgrund. Er hat auch volles Verständnis für die im nationalen Kreise verlaufenden Bestrebungen zur Pflege der eigenen Volkspersönlichkeit. Diese Auffassung wird auch dem nationalen Judentum Gerechtigkeit widerfahren lassen. Im Felde Moritz Bileski