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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 229

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die deutschen Juden in der deutschen Politik
Date
1916-07-01
Page
229 (sequence 18)
Language
German
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Die deutschen Juden in der deutschen Politik 229 Zeit in Gegensatz zu stellen, muß es doch zur Verbundenheit mit dem Staate führen, daß sie in lebhaft empfundener Tätigkeit sich in den Staat hineinstellen und in seinem Rahmen auf seine Haltung einzuwirken suchen. Man braucht nicht erst auf eine analoge Erscheinung bei der Sozialdemokratie aufmerksam zu machen, die — ursprünglich sogar den Staat absolut verneinend und in seinem Wesen bekämpfend — durch die (doch fast durchweg oppositionelle) Tätigkeit im Staatsleben zweifellos zu einer Staatsgesinnung erzogen worden ist, die sich in der praktischen Politik gezeigt hat und auch schon in der theoretischen Betrachtung häufig ausgesprochen wird. Mit dieser Wirkung verändert die nationale Auffassung in starkem Maße die Stellung der deutschen Juden zur Politik: das Judentum, das bisher als Ganzes für die deutsche Politik eine tote Kraft bedeutete, wird jetzt ein lebendiges Gut, das mit seinen Fähigkeiten teilnimmt und sie in Dienst stellt. War früher ein allgemeiner Antrieb zu ernsthafter, aus Notwendigkeiten des politischen Denkens hervorgehender Teilnahme am Staatsleben nicht vorhanden, mußten vielmehr die Vorzüge des bei einer Anzahl Juden vorhandenen gesteigerten Staatsbewußtseins aus zufälligen Anlagen der Einzelnen erklärt werden, so führen jetzt allgemeinnationale, den jüdischen Grundlagen entstammende Zusammenhänge zum Staatsgedanken. Sie sind geeignet, nicht nur die Stärke und Tiefe des wertvollen politischen Empfindens, des Lebens mit dem Staate und für den Staat, sondern auch seine Ausbreitung über die Gesamtheit der Juden in günstigem Sinne zu beeinflussen. Sie schaffen in gewisser Weise ein jüdisches Milieu und wirken damit annähernd in gleichem Sinne wie das Streben, das durch die Schaffung der jüdischen Heimat sein Ziel findet, das Streben nämlich nach einer Umgebung, die jüdische Interessen kennt und in der jüdische Stimmungen wirken und empfunden werden können. Damit werden auch die Momente abgeschwächt, die den Anschluß an die deutsche Politik erschweren (ohne daß sie freilich aufgehoben werden können). Dieser Erfolg beruht darauf, daß es sich um Angelegenheiten handelt, die ohne weiteres der lebhaftesten Teilnahme aller deutschen Juden sicher sein müßten: die Wirkungen der Politik auf die Ostjuden gehen nicht nur diese ,an, die (bisher schon) deutschen Juden müssen fühlen, daß sie selbst davon betroffen werden. Dazu gehört freilich, wie aus allem eben Gesagten hervorgeht, daß die deutschen Juden sich die nationale Auffassung des Judentums zu eigen machen. Der an Zahl überlegene Teil der deutschen Judenheit lehnt jedoch diese Auffassung ab und bekämpft sie. Das zeigt sich gerade besonders deutlich in der Art, wie man der so unmittelbaren Gegenüberstellung der ostjüdischen Frage begegnet. Nicht nur, daß man sorgfältig alle Unterschiede zwischen deutschen Juden und Ostjuden zusammenstellt und aufs stärkste betont, man leugnet sogar jede Gemeinschaft und Gemeinsamkeit, ja man scheut mitunter nicht davor zurück, antisemitische Verzerrungen und Entstellungen sich kritiklos zu eigen zu machen, um die völlige Wesensverschiedenheit hervorheben zu können. So hat man auch unter den deutschen Juden Anhänger für die Forderung des Grenzschlusses gegenüber den Ostjuden gefunden. Daß bei dieser, jeden Schein einer Solidarität ängstlich vermeidenden Anschauung alle Wirkungen auf das politische Empfinden ausbleiben müssen, Welche mit dem nationalen Standpunkt an Vertiefung, Zurücksetzung des Eigenvorteils und Verständnis für die Bedeutung der Staatsgemeinschaft sich einstellen, <kß vielmehr das Verhältnis zum Staate bleibt, wie es war, oberflächlich (bei allem ßestreben, es an Hingabe nicht fehlen zu lassen) und nicht von innerlichen Gesichts-

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