Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die deutschen Juden in der deutschen Politik
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 225 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875868-3104737--0338-3104785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die deutschen Juden in der deutschen Politik 225 auch immer von der anderen Seite empfunden werden wird. Keine Illusionen täuschen ihn darüber, daß das, was heute Antisemitismus genannt wird, in seinem innersten Grundtriebe bestehen bleiben wird. Es ist möglich und zu hoffen, daß rüde Ungezogenheiten und Unanständigkeiten verschwinden werden. Die Judophobie, um Pinskers Ausdruck zu gebrauchen, wird nicht weichen, und sich in mannigfachen Abstufungen immer bemerkbar machen. Vielleicht wird da, wo jetzt wütender Haß und tiefe Verachtung vorhanden ist, das Gefühl zu starker Abneigung gemildert. Zum mindesten diese wird der Jude in ihren verschiedenen Tönungen immer fühlen müssen; und wenn er auch nur Verständnislosigkeit für sein Wesen, Unmöglichkeit des Mitempfindens mit seiner Innerlichkeit festzustellen hat, er wird die selbstverständliche Traulichkeit des eigenen Heims vermissen und in seiner Umgebung unfreundliche Kälte verspüren. Der Gegensatz zu den Juden wird aus Gründen, die in einen anderen Zusammenhang gehören, keine gesetzmäßigen Beeinträchtigungen hervorbringen (oder man müßte mit einer Rückentwicklung des deutschen Volkes rechnen, die man ihm nicht zutrauen darf). Er wird sich auch gewiß nicht über das ganze deutsche Volk erstrecken, vielmehr wird es immer verständnisvolle und den Juden wohlgesinnte Kreise geben. Trotzdem wird der Nationaljude, wie bei seinem ganzen Leben in Deutschland, so auch bei der Frage einer Teilnahme an politischen Dingen nie die doppelte Wirkung seiner Wesensfremdheit übersehen: daß nicht hier das seiner Persönlichkeit entsprechende Schaffensgebiet liegt und daß er von andern als nicht in ihr Gebiet gehörig empfunden wird. Es ist selbstverständlich, daß diese Erkenntnis über die Bedeutung des eigenen Wesens, in der ein wesentlicher Inhalt des Nationaljudentums liegt, stark gegen die Teilnahme an deutscher Politik wirkt. Man kann diese, von der deutschen Politik abziehenden Momente in ihrer vollen Klarheit feststellen und hat damit noch nicht alles gesagt, was zu sagen ist. Gerade wer sich über die Tendenzen, die einer Teilnahme an der deutschen Politik entgegenwirken, keiner Täuschung hingibt, gerade der wird, ohne sich irgend einer Schönfärberei schuldig zu machen, auch die verbindenden Elemente feststellen können. Auch sie sind vorhanden und die Erkenntnis seiner Sonderheit und ihrer Bedeutung veranlaßt den Nationaljuden nicht, an ihnen achtlos vorüberzugehen. Es liegt ja gerade darin die Tiefe des Problems, das ihn erfüllt, daß er mit deutschem Wesen so vielfältig und innerlich verbunden ist, daß er die Güter seines Geistes und Gemütes (sogar das Verständnis für den hohen Sinn seines Volkstums) zum überwiegenden Teile dem deutschen Reichtum zu verdanken hat. Wenn er einerseits nicht daran zweifeln kann, daß er zur Ganzheit und zur Harmonie der Seele nur im eigenen Lande gelangen kann, so weiß er andererseits, daß ein guter Teil der Werte, die sein Inneres erfüllen, vom Deutschtum stammt. Das ist ein Zwiespalt, aber er ist in dieser Art vorhanden und mindert die Bedeutung der Kräfte nicht, die auch den deutschen Nationaljuden mit den deutschen Dingen verbinden. Mag er sein Wirken auch so weit als möglich den spezifisch national-jüdischen Zielen widmen, sie können sein Leben nicht restlos erfüllen. Schon die Alltäglichkeit seines Daseins und weit mehr als diese schließt ihn zu enger Gemeinschaft mit dem Staate zusammen, in dem er lebt und in dem für alle absehbare Zeit ein nicht unbeträchtlicher Teil seines Stammes leben wird, Es ist kein kalter, äußerlicher Zwang, der diese Verbindung bestimmt,' nicht nur die Verknüpfung wirtschaftlicher Beziehungen oder rechnerisch-vertragsmäßige Übernahme staatsbürgerlicher Pflich- Heft 4. 16