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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 224

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die deutschen Juden in der deutschen Politik
Date
1916-07-01
Page
224 (sequence 13)
Language
German
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224 Moritz Bileski: trachtet werden. Ja, sie ist in gewissem Sinne eine Gefahr: denn sie hält ab von selbständiger, inneren Überzeugungen und Notwendigkeiten entsprechender Prüfung und Wertung und nimmt den Mut zur Verantwortung. Damit aber wird dem Staatswohl nicht gedient, das für seine politische Gestaltung nur die Beteiligung frei und gründlich urteilender und, wo die so gewonnene Überzeugung es gebietet, auch zum festen Widerspruch gegen Gewohnheit und äußeren Einfluß entschlossener Männer brauchen kann. 4- Ist es möglich, daß die nationale Auffassung des Judentums die Stellung zur Politik anders gestaltet? Die Frage erfordert zunächst eine Antwort darauf, ob das Nationaljudentum überhaupt Beziehungen zur deutschen Politik gewinnen kann. Sicher ist, daß sein stärkster und wichtigster Inhalt —■ das Streben nach Erhaltung und Vervollkommnung des Judentums durch Schaffung freier Existenz- und Entwicklungsmöglichkeiten für das jüdische Volk — seinem Wesen nach von der deutschen Politik nicht berührt wird. Wohl ist es möglich, daß dieses Ziel, in der Formulierung des Baseler Programms die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, mit aktuellen Zielen der deutschen Politik sehr glücklich harmonieren und zu wirksamster wechselseitiger Förderung mit diesen verbunden sein kann (so wie das z. B. bei der deutschen Orientpolitik der Fall ist). Aber das sind, bei aller Wichtigkeit und Bedeutung des Einzelfalls und bei aller innigen Verbundenheit, die sie herbeiführen mögen, doch Konstellationen, die nicht mit Notwendigkeit von Anfang an im Wesen beider politischen Ziele liegen. Beide Wege führen in derselben Richtung, und der jüdische Zielpunkt liegt auf der Bahn der deutschen Politik, aber ebenso wie der Ausgangspunkt verschieden ist, haben auch die Preise, die das Ziel bietet, nicht für beide Teile den gleichen Sinn. Der Nationaljude wird sich sagen müssen, daß, was ihn am tiefsten berührt, sein Schicksal im Schicksal seines Volkes, nur seine eigene Aufgabe ist, die wohl mit Aufgaben der deutschen Politik verknüpft, aber nicht in ihr beschlossen und bestimmt sein kann*). Der Grund hierfür ist nicht nur in der äußeren Tatsache zu suchen, daß die Mittelpunkte für die am stärksten bewegenden Herzensangelegenheiten, die Wurzelflächen des Volkstums, geographisch verschieden sind. Wenn damit ausgedrückt ist, daß der Jude die Erfüllung seines Wesens nicht in Deutschland finden kann (und nicht einmal die so notwendige Reinigung und Vervollkommnung hier vollenden kann), so hat das einen innerlichen Grund. Da der Jude vom Deutschen wesensverschieden ist, muß er — wenn wir die gute und innige, aber das Wesen nicht berührende Bekanntschaft einmal beiseite setzen — in vielen Beziehungen in Deutschland und im Deutschtum ein Fremder bleiben. Der Nationaljude ist nicht nur von dem Mangel in positiver Beziehung durchdrungen, daß es ihm hier nicht gegeben ist, sein Leben zu leben. Er ist sich auch klar, daß die Fremdheit *) Diese Auffassung könnte sich ändern, wenn man Politik in einem ganz weiten, letzte Kulturziele und -möglichkeiten der Völker umfassenden Sinne nimmt. Zieht man so hohe und weite Bestimmungen in den Rahmen der Politik, wie sie z. B. Alfons Paquet im Zionismus erblickt hat, die an Menschheitserneuerungen wesentlichen Anteil haben, dann kann man auch zu einer tief-innerlich begründeten Verwandtschaft zwischen der Ausbreitung des deutschen Gedankens in der Welt und dem Zionismus gelangen. Aber man kann den Kreis der Politik im üblichen Sinne wohl nicht auf diese Dinge erstrecken, die überdies noch zu ungeklärt sind, um mehr als subjektiven Überzeugungen zu entsprechen.

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