Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die deutschen Juden in der deutschen Politik
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 220 (sequence 9)
- Language
- German
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220 Moritz Bileski: werden von den noch vorhandenen Rechtsminderungen betroffen. Aber die Unzufriedenheit darüber, an der auch sie Anteil nehmen, ist doch recht gemildert und tritt häufig zurück gegenüber den positiven Empfindungen, die der erworbene Besitz auslöst. Die freiere, gesicherte, zum Genuß der Kulturgüter befähigende Stellung weckt das Verständnis für die Bestrebungen, die auf den Schutz des Besitzes gerichtet sind oder die staatliche Rechts- und Kulturgemeinschaft vor Erschütterungen zu bewahren suchen. So erkennen die Juden nicht nur die — selbstverständliche — Pflicht an, die Existenz des Staates gegen äußere Angriffe zu erhalten, sondern sie empfinden auch nicht mehr die frühere Schroffheit gegen die Bemühungen, die sich für die Erhaltung der bestehenden Zustände einsetzen, Sie erstreben selbst wohl nur noch eine maßvolle, schrittweise vor sich gehende Umbi dung der Staatseinrichtungen und zugleich eine Abwehr umstürzender Neuerungen. Damit wird dem früheren unbedingten und entschiedenen Geist des Kampfes und der Verneinung gegenüber der Regierung der Boden entzogen. So ist denn ein beträchtlicher Teil der Juden recht einverstanden, wenn der Liberalismus sanfter geworden ist und alte Kampfziele nicht mehr mit der energischen Unerbittlichkeit früherer Zeiten vertritt, ja mitunter vielleicht als nicht ganz bequem empiindet. Sie machen diese Beruhigung des Liberalismus nicht nur mit, sondern nehmen auch tätigen Anteil daran. Diese gemehrte „Befriedigung" erklärt es, daß sich auch in noch weiter rechts stehenden Parteien Juden finden. Es handelt sich allerdings hier, wo die geschichtlichen Traditionen kaum noch eine Wirkung äußern und das politische Denken sich, von der Vergangenheit ungehemmt, bereits vollständig auf den neuen Standpunkt eingestellt hat, nur um vereinzelte Erscheinungen. Es kommen hier auch häufiger jene oben erwähnten schwächeren Grade der Wirkungen in Betracht, die sich nicht so sehr in unzweideutiger, bis zum organisatorischen Anschluß an die Partei Sich verdichtender Zugehörigkeit ais in einer allgemeineren Art der Übereinstimmung äußern. So besitzt zunächst die nationalliberale Partei jüdische Anhänger. Sie finden auch hier eine stimmungsmäßig dem reinen Liberalismus verwandte Grundanschauung. Auch hier wird danach gestrebt, das Wirken der Persönlichkeit von einengenden Schranken möglichst zu befreien und dem Schaffen des Geistes ungehemmte Entwicklung zu gewähren. Daneben aber findet jene gesteigerte Staatsgesinnung lebhaften Ausdruck. Die Erfordernisse des Staates werden grundsätzlich günstig aufgenommen und dem Verlangen nach der Freiheit des Einzelnen vorangestellt. Aus diesem Grunde werden diejenigen Kräite gefördert, die durch eigene Stärke auch dem bestehenden Staate Macht gewährleisten, wie auch umgekehrt in der Macht des Staates ihre Sicherheit und Entwicklungsmöglichkeit beruht. Das ergibt eine wirtschaftspolitische Förderung der Stände, in denen die wirtschaftliche Kraft der im Staate organisierten Gemeinschaft am unmittelbarsten zum Ausdruck kommt, nämlich der Landwirtschaft und des Unternehmertums, insbesondere des Großunternehmertums. Diese Wirtschaftspolitik, der ja in den letzten Jahren die Tätigkeit der nationalliberalen Partei in besonders hohem Maße gegolten hat, bedeutet selbstverständlich, daß die geförderten Erwerbsgruppen — soweit sie nicht, wie der Grundbesitz, insbesondere der Großgrundbesitz spezielle Interessenvertretungen haben und auch die kultur- und verfassungspolitischen Grundanschauungen des nationalen Liberalismus nicht teilen — in der nationalliberalen Partei ihre Vertretung sehen. Auch das kommt für einzelne jüdische Kreise in Betracht. So werden