Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die deutschen Juden in der deutschen Politik
Date
1916-07-01
Page
219 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875868-3104737--0332-3104779
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die deutschen Juden in der deutschen Politik 219 weiter fortschreitende und in diesem Kriege schon mit aller Deutlichkeit zutage getretene Abkehr vom Internationalismus, die Anerkennung, ja sogar bewußte und gewollte Förderung der nationalen Eigenarten. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß gerade die Tendenzen, die mit der gesteigerten politischen Bedeutung des Sozialismus zusammenfallen, nicht mehr unmittelbar oder in erheblichem Umfange jüdische Gefühle berühren. Das allgemeine Empfinden, das Juden zum Sozialismus führen kann, fühlt sich sicher mehr den Gedanken eines Weitling oder Marx, als der Tätigkeit eines Heine oder Legien verwandt*). Liberalismus und Sozialdemokratie sind die Parteien, die eine umfangreichers Bedeutung für die Juden gewonnen haben. Der Vollständigkeit halber müssen noch einige andere politische Organisationen erwähnt werden, die nur für vereinzelte Teile des deutschen Judentums in Betracht kommen. Hierher gehört zunächst die demokratische Gruppe, die allerdings bisher erst den Versuch gemacht hat, sich die Bedeutung einer politischen Partei zu erringen. Diese aus der Fortschrittspartei ausgeschiedene Richtung läßt sich wesentlich dahin charakterisieren, daß ihr das Auftreten jener Vertretung des offiziellen Liberalismus nicht radikal genug ist. Sie wirft ihm Lauheit in der Betätigung der alten Prinzipien zu große Schmiegsamkeit gegenüber der Regierung vor und verlangt schärfere Betonung des oppositionellen Geistes. Daraus ergibt sich auch ihre Bedeutung für manche jüdischen Kreise. Sie findet Aufnahme bei den stark oppositionell gestimmten jüdischen Elementen, die sich die alten, historisch zu verstehenden Neigungen zum Liberalismus bewahrt haben, aber über die Abschwächung des Gegensatzes zur Regierung nicht hinwegkommen, die die offizielle Partei vorgenommen hat, und überhaupt die Verminderung der Energie beim Kampf um die alten Grundsätze nicht verwinden können. Diesen Juden bieten die Demokraten eine — bei aller aus dem aktuellen Gegensatz zu erk ärenden Befehdung der offiziellen Fortschrittspartei — den Liberalismus vertretende Gruppe, die ihrem Wunsche nach Ablehnung der auch sie zurücksetzenden Staatspraxis mit starker Entschiedenheit Ausdruck gibt, ohne daß sie in die innerlich schiefe Stellung ihrer aus verwandten Empfindungen zum Sozialismus gelangenden Stammesgenossen kommen. Denn die Zugehörigkeit zur demokratischen Partei setzt nicht die starke Betonung von Interessen voraus, welche deutschen Juden kaum als sie berührende Ziele erscheinen können In der Zugehörigkeit der Juden zu allen bisher besprochenen Parteien liegt ein gemeinsamer Zug. Es drückt sich darin noch die alte Oppositionsstimmung, die Stimmung der Zurückgesetzten aus, die Stimmung von Menschen, die sich mit: Anspannung ihr Recht erkämpfen müssen. Diese Empfindungen, die noch immer auf die Zeit der Emanzipation verweisen, sind im deutschen Judentum nicht mehr allgemein. Die Emanzipation liegt lange genug zurück, um auch beruhigende, Gegensätze ausgleichende Wirkungen ausgeübt zu haben. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Juden ist zu Wohlstand, Ansehen und Einfluß gelangt. Auch diese Juden, die sich die äußeren und inneren Bereicherungen des gebildeten und besitzenden Europäertums so gut wie unumschränkt zu eigen machen konnten, *) Das schließt natürlich nicht aus, daß der einzelne, im Sozialismus stehende jüdische Politiker als fertiger Sozialist, der nun im Leben in der Partei aufgeht, und von ihrem Standpunkt aus ihre Entwicklungsmöglichkeiten durchdenkt, Revisionist und Führer dieser Richtung wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.