Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die deutschen Juden in der deutschen Politik
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 218 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Moritz Bileski tung für die Juden am nächsten kommt, ist die sozialdemokratische. Wenn sie ebenfalls in einem gewissen Umfange eine Wirkung auf die Allgemeinheit des jüdischen Publikums ausübt, so ist das aus ihrer radikaleren Richtung zu erklären. Daß die noch vorhandenen Einschränkungen der Gleichberechtigung, die auch von den Sozialisten heftig bekämpft werden, viele Juden mit oppositionellem Empfinden erfüllen, wurde bereits erwähnt. Viele von ihnen finden den Liberalismus in seiner gegenwärtigen Gestalt nicht entschieden genug und verübeln ihm die häufige Unterstützung der Regierung. Sie streben zur Partei der restlos Unzufriedenen und kommen so zur Sozialdemokratie. Dort glauben sie auch ihre speziellen Interessen am besten aufgehoben, und überdies werden dort demokratische Grundsätze mit größter Entschiedenheil vertreten (während die Bedeutung des Liberalismus für diese Grundsätze nachgelassen hat). Wenn einerseits dieses Streben nach möglichst lebhaftem Ausdruck der Unzufriedenheit eine Empfindung des Durchschnitts- und Gelegenheits-Politikers darstellt, der damit seinen einzigen politischen Gedanken äußert, so bietet andererseits der Radikalismus dem selbständigen Politiker mannigfachen Spielraum zur energischen, große Ziele verfolgenden und weit wirkenden Betätigung. Kein Wunder, daß viele politisch interessierte Juden Sozialisten werden, und daß viele und bedeutende Führer des Sozialismus Juden sind. Sie werden zweifellos noch von einer anderen Eigenschaft des Sozialismus angezogen, die ebenfalls dem allgemeinen Empfinden des modernen Judentums entspricht und daher auch auf den gewöhnlichen jüdischen Wähler zu wirken geeignet ist: die bereits beim Liberalismus erwähnte kosmopolitische Stimmung findet im Sozialismus lebhaften Widerhall, zu dessen wesentlichen Merkmalen der Internationalismus, die möglichste Zurückdrängung der dem Volkstum entstammenden Besonderheiten gehört (oder bis vor kurzem gehörte). Das Streben nach Völkerverbrüderung wird gerade von Juden freudig aufgenommen. Überdies entspricht ein Teil der kommunistischen Gedankenreihe, und besonders der Wunsch nach Vermeidung und Beseitigung aller gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten altem jüdischen Stammesgefühl. Mit Recht hat man auf den reichen sozialen Inhalt der Bibel, auf die vielen Eiferer gegen soziale Übelstände hingewiesen. Diese Tendenzen des Sozialismus werden allerdings in ihrer Wirkung durch andere Eigentümlichkeiten beeinträchtigt. Der Sozialismus hat sich immer mehr von den umfassenden Idealen der Weltbeglückung und -Erlösung entfernt, er hat in steigendem Maße, und je mächtiger er wird, um so mehr, die Vertretung ganz bestimmter Klasseninteressen übernommen. Damit entfernt er sich aber vom jüdischen Empfinden. Denn es gibt in Deutschland wohl zahlreiche Juden, deren wirtschaftliche Existenz verkümmert und zwergenhaft gebildet ist, es gibt aber kein jüdisches Proletariat, insbesondere keine geschlossene jüdische Arbeiterschaft. Dementsprechend fehlt auch das energische, einheitlicn vorwärtsstrebende Klassenbewußtsein, das immer mehr zum ausschließlichen Träger sozialistischen Wirkens wird. Man wird keinen Fehlschluß tun, wenn man gerade in der immer stärkeren Einstellung auf bestimmte Klassenziele — mit welchen die Juden sich nicht unmittelbar verbunden fühlen — die stärkste politische Kraft des Sozialismus erblickt. Die politische Bedeutung ist gewachsen, je mehr die Gewerkschaften die Kraft der Arbeiterklasse organisierten und je mehr revisionistische, auf Fortschritte des Tages gerichtete Forderungen das Gebäude des Marxismus ausfüllten und zugleich veränderten. Im Zusammenhang wiederum mit dieser Entwicklung steht die immer