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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 217

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die deutschen Juden in der deutschen Politik
Date
1916-07-01
Page
217 (sequence 6)
Language
German
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Die deutschen Juden in der deutschen Politik 217 hundertelanger Verkümmerung ihr schaffendes und erhebendes Wirken zu erkennen, ihm wird es ganz natürlich zur Frage, warum sein Einzelschicksal jene der Gemeinschaft geltenden Hemmungen auf sich nehmen müsse, obwohl ihn kein stärkeres bewußtes Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dieser Gemeinschaft verbindet. So kommt er leicht dazu, den Gemeinschaftswert für sein Einzelleben überhaupt zu verneinen, beim Suchen nach der Erfüllung nur von der eigenen Person auszugehen und sie in den Mittelpunkt zu stellen, sich allem zuneigend, was mit Individualismus und Subjektivismus zusammenhängt. Und aus derselben Anlage fühlt er sich zu den Weltbildern gezogen, die auf dem Fundament des Einzelmenschen — unter Übergehung des nationalen Zusammenhanges — das Gebäude der allgemeinen Menschheit errichten. Da er den Wert des nationalen Bandes nicht empfindet, kann er auch den dadurch zusammengehaltenen Gruppen keine Vorzüge abgewinnen, sondern strebt nach dem Ideal der allgemeinen Menschheitsverbrüderung. Der Liberalismus hat, ungeachtet seiner gerade in dieser Beziehung merklichen Wandlung, nicht nur individualistische Grundsätze, sondern auch einen kosmopolitischen Ruf behalten. In der Tat finden die Bemühungen nach Beseitigung nationaler Gegensätze (und manchmal auch Eigentümlichkeiten) und Herstellung internationaler Verbindungen in ihm noch vielfach einen lebhaften Förderer. So kann ein Teil der deutschen Juden im Liberalismus noch immer den Vertreter wert gehaltener Prinzipien sehen. Außerdem gibt ja auch heute noch die eigene Lage den Juden Veranlassung genug, Anhänger des Liberalismus zu werden. Noch immer gibt es so zahlreiche Zurücksetzungen, daß die Liberalen häufig Gelegenheit haben, die Durchführung der verfassungsmäßig ausgesprochenen Gleichberechtigung in der Praxis zu verlangen. Daß sie das mit steter Unermüdlichkeit tun, sichert ihnen zum großen Teil die hergebrachte Treue der Juden. In dieser Art der liberalen Betätigung zeigt sich zum Teil noch der alte Oppositionscharakter, der überhaupt noch immer von der liberalen Partei — wenn auch nicht mehr in dem früheren Maße — zum Ausdruck gebracht wird. Auch dieser Umstand führt die Juden wie früher zum Liberalismus, denn die Verweigerung der vollen staatsbürgerlichen Rechte trifft oft den einzelnen Juden schwer genug, und da man auf jüdischer Seite die Empfindung hat, daß die bestehende Praxis die Billigung der Regierung findet oder mindestens ein entschiedener Wille zur Abhilfe bei der Regierung fehlt, so ergibt sich naturgemäß eine oppositionelle Stimmung bei den Juden. Es kommt hinzu, daß auch heute noch dank der besonderen sozialen und beruflichen Schichtung des deutschen Judentums die liberale, freihändlerisch gerichtete Wirtschaftspolitik die Billigung und Förderung weiter jüdischer Kreise findet. Aus der geschilderten Natur der Beziehungen zwischen Juden und Liberalismus wird es verständlich, daß nicht nur politisch tiefer interessierte Juden zum Liberalismus kommen, sondern daß auch die Masse der Juden in ihrer mehr an der Oberfläche haftenden politischen Betätigung sich zum großen Teil dem Liberalismus anschließt. Die Gedanken, mit denen der Liberalismus auf die Juden wirkt, sind ja im wesentlichen der Art, daß sie auch die selbstverständlichen Empfindungen des Durchschnittsjuden treffen und den naheliegenden Forderungen der breiteren Kreise entsprechen, ganz abgesehen davon, daß gerade bei diesen die historische Gewohnheit sich besonders bemerkbar macht. Die Partei, welche — allerdings in weitem Abstände — der liberalen an Bedeu-

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