Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Die deutschen Juden in der deutschen Politik
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 216 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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2l6 Moritz Bileski: eine Kennzeichnung, die keiner Erläuterung bedarf. Es ist verständlich, daß die überaus empfindliche Rechtsminderung die Juden mit oppositionellem Geist gegen die Regierung erfüllte, gegen die Verkörperung des Staates, der sie so heftig zurückstieß. So waren sie von Anfang an der Partei der Opposition, dem Liberalismus, geneigt* Und aus demselben Grunde teilten sie die liberalen Anschauungen über den Aufbau des Staates, die möglichst unbeschränkt demokratischen und teilweise auch republikanischen Idealen zustrebten. Überdies entsprach die freihändlerische Gestaltung der liberalen Wirtschaftspolitik den eigenen Auffassungen und Interessen. Vor allem aber zeigte sich der Liberalismus in seiner reinen Form, wie er für die Zeit der 48er Revolution bestimmend wurde, sobald die Entwicklung eines innerpolitischen Lebens in Deutschland begann, als der politische Vertreter der Ideen, deren theoretischer Grundlegung die rationalistische Epoche gedient hatte. Mit ihm wußten die Juden jener Zeit ihr Schicksal verbunden. Die Forderung der Emanzipation, jener gewaltigen geschichtlichen Tatsache, welche den Juden, Jahrhunderte nach der umgebenden Welt, den Austritt aus dem Mittelalter ermöglichte, wurde zuerst von Anhängern rationalistischer Ideale als Folgerung aus der vernunftgemäßen Gleichheit und Freiheit aller Menschen erhoben. Ihre Verwirklichung begann, als in der Gestaltung des Staatsaufbaus der Einfluß rationalistischer Maximen sich bemerkbar machte. Die Liberalen erwarben sich nicht nur das Verdienst, die Vertreter der allgemeinen Prinzipien zu werden, aus denen jene bedeutungsvollen Anfänge hervorgegangen waren. Sie hatten mancherlei, mitunter recht erhebliche Rückschläge aufzuhalten oder zu beseitigen, bis auch nur in rechtlich-formeller Beziehung die Emanzipation durchgesetzt war. Darüber hinaus vollbrachten sie das Werk, die Segnungen der neuen Gesetze der breiten jüdischen Masse in der Praxis zuzuführen, sie wiesen die Wege zu den neuen Quellen, deren ganzen Reichtum und lebenspendende Kraft sie vor allem den Juden erschlossen. Und weiter wurden sie ihre unermüdlichen Beschützer in der neuen Stellung, halfen den im neuen Gebiet noch Unerfahrenen gegen alle Angriffe und lehrten sie die Unsicherheiten überwinden, die den jungen Besitzern anhaften mußten. Die Aufgabe ist heute im wesentlichen erfüllt. Freiheit und Gleichheit sind auch den Juden zuteil geworden, in einem Maße wenigstens, daß die vorhandenen Einschränkungen gegenüber dem früheren absoluten Ausnahmezustande keine entscheidende Rolle spielen. Damit haben auch die Kräfte, welche den Juden zum Liberalismus führten, im wesentlichen ihre Lebendigkeit verloren. Trotzdem ist ihre geschichtliche Macht groß genug, um noch heute dem Liberalismus einen weitreichenden Einfluß auf jüdische Kreise zu sichern. Kein Wunder, wenn man sich vergegenwärtigt, wie riesenhoch die Welle der Emanzipation war, welche die Juden aus den Niederungen jahrhundertelangen dumpfen Vegetierens zur Höhe freier Entwicklungsmöglichkeiten, zum Mitleben in der umgebenden Kulturwelt emportrug. Daß das Andenken an die Vertreter dieses Fortschritts noch heute ihren Erben das Vertrauen vieler Juden verschafft, ist selbstverständlich. Übrigens sind auch die Beweggründe, mit denen der Liberalismus aus der Gegenwart auf das politische Empfinden der Juden zu wirken vermag, keineswegs bedeutungslos. Der deutsche Jude hängt zum überwiegenden Teile noch immer an jener Geistesrichtung, deren Inhalt durch die Begriffe Individualismus und Universalismus bezeichnet wird. Ihm, der oft genug die Bande der nationalen Zusammengehörigkeit als lästig empfindet, der keine Gelegenheit gehabt hat, gegenüber jähr-