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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 215

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Die deutschen Juden in der deutschen Politik
Date
1916-07-01
Page
215 (sequence 4)
Language
German
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Die deutschen Juden in der deutschen Politik 215 wertvoll sein können. Wenn also der Beobachter des modernen Judentums den jüdischen Politiker in seiner Tätigkeit keineswegs außer acht lassen darf und seine Politik für das Judentum kennzeichnend werden kann, so hat das doch seinen Grund nur darin, daß hier Lebensäußerungen eines jüdischen Individuums vorliegen. Keineswegs aber ist damit gesagt, daß gerade die besondere Empfänglichkeit für die Probleme des Staates und die Hingabe an den ihnen gewidmeten Dienst mehr als ein individueller, daß sie ein allgemeiner Zug des deutschen Judentums sei. Das Vorhandensein von Politikern, die als jüdische Typen wichtig sind, berechtigt daher noch keineswegs zu einer Abweichung von dem Urteil, das oben über das politische Interesse der deutschen Juden gefällt worden ist. 2. Die einzelnen Parteien können hier in ihrem Verhältnis zu den Juden nicht eingehend geschildert werden. Abgesehen davon, daß eine Darstellung der jüdischen Beziehungen zum Parteiwesen in Deutschland die Wiedergabe eingehendster Einzelstudien erfordern würde, wäre sie mehr von Bedeutung für die Parteien und die einzelnen Politiker als für die jüdische Gesamtheit. Wenn die Wirkung besprochen werden soll, die von den politischen Parteien auf die Juden ausgeht, so muß eins hervorgehoben werden: diese Wirkung äußert sich häufig nicht so stark, daß sie einen ausgesprochenen Anschluß an die Partei oder auch nur irgendwelche politischen Handlungen in ihrem Sinne veranlaßt. Oftmals handelt es sich nur um einen allgemeinen Einfluß auf die politischen Anschauungen, um Übereinstimmungen, die nicht notwendig äußere Erscheinungen, sondern nur innerliche Anerkennung und Billigung hervorzurufen brauchen. Und noch ein schwächerer Grad der Beziehung muß erwähnt werden, wenn ein umfassendes Bild von den Wirkungsmöglichkeiten politischer Ideen auf die Juden gegeben werden soll: mitunter ist die Bedeutung politischer Gedanken für die Juden noch nicht so deutlich, daß man auch nur innerlich bewußt mit ihnen einverstanden wäre. Aber der Kenner des Judentums spürt ihre Anziehungskraft darin, daß er Empfänglichkeit und Aufnahmefähigkeit dafür bei Juden feststellen kann. Diese Juden, die hierfür in Frage kommen, sind potenziell in der Lage, sich die Gedanken anzueignen und sie zu vertreten, nur sind Menschen und Gedanken noch nicht zueinander gekommen und es ist noch eine Frage der Zeit, wann diese Vereinigung vor sich geht. Selbstverständlich ist, daß die verschiedenen politischen Ansichten sich im einzelnen Individuum zu den vielfältigsten Verschlingungen zusammenfinden können. Diese Kombinationsmöglichkeiten können für die Darstellung außer Betracht bleiben, die sich nur mit den einheitlichen Grundzügen der Wirkungen befaßt. In einer Erörterung des Verhältnisses der Juden zu den Parteien gehört die erste Stelle dem Liberalismus. Es genügt auf Namen wie Gabriel Rießer, Lasker und Bamberger hinzuweisen, um die Bedeutung der Beziehungen zwischen Liberalismus und Judentum zu ermessen. Diese Namen gehören sämtlich der Geschichte an, und sie sind gerade deshalb charakteristisch. Wenn der Liberalismus heute bei den deutschen Juden eine große Rolle spielt, so verdankt er das weniger seiner gegenwärtigen Beschaffenheit als seiner geschichtlichen Vergangenheit. Die Umstände, in denen die Juden noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts lebten, sind bekannt. Sie entsprechen denjenigen, die noch heute die Lage der Juden in Rußland ausmachen,

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