Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 211

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Imperialismus und Judentum
Date
1916-07-01
Page
211 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875868-3104736--0322-3104771
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Imperialismus und Judentum 211 Distanzierung der Stände, die auch sakral und damit unwiderruflich festgelegt zu werden pflegte. Die wiederholte Erhebung und Selbsterhebung antiker Großmonarchen zum Range von Gottheiten (Pharaonen, Nebukadnezar, Caligula), die Zurückführung der Stammbäume herrschender Geschlechter auf bestimmte Göttergestalten, im Gegensatz zu den nur erdgeborenen Beherrschten (auch bei den Griechen, Römern, Germanen); der Anspruch solcher Geschlechter auf das alleinige Ausübungsrecht sakraler Funktionen — dies sind die deutlichsten Zeichen solcher Empfindungsart, von der trotz des Christentums manche Nachwehen sich noch ernstlich in den Aristokratien der europäischen Völker erhalten haben. Nicht etwa als ob sich Judentum und Aristokratie vereint nicht vertrügen, ein solcher Gegensatz ist überhaupt nicht vorhanden. Nur daß die Grundlagen aristokratischen Seins für das Judentum von geistiger und vergänglich menschlicher Art sind, auf wirklichen Verdiensten und vornehmer Gesittung von Individuen und Geschlechtern aufgebaut: nicht ein ursprüngliches außerhalb der Grenzen von Gut und Böse liegendes physisches Blutsprinzip, dem die Ausbeutung der Macht als einfaches Natur recht erscheint. Gewisse Elemente des Judentums mögen insbesondere im wirtschaftlichen Leben ähnliche freibeuterische Tendenzen sogar als Selbstzweck verfolgen — sie gehören in höherem Sinne dem Judentum gar nicht mehr an, es sind losgesprengte Glieder, die nun überhaupt keinen ideellen Halt mehr haben und so unrettbar der Entartung verfallen sind. Bei echten einheimischen Machtsuchern dagegen kann ein unbändiger Wille zur materiellen Herrschaft noch in starker Weise der Machtentfaltung der Nation selbst dienen, obwohl hier häufig erst der Staat sich teils hemmend teils lenkend mit schroffem Gesetze für die Erhaltung des Rechtes der Nation einsetzen muß. Dem Geist des Judentums aber sind alle Bestrebungen der ungleichen inneren Kräfteverteilung in der umgebenden Menschheit nur insofern adäquat, als hinter ihnen unbeugsam der kategorische Imperativ einer wirklichen höheren Gerechtigkeit steht, die allerdings nicht etwa eine äußere Gleichstellung der Menschen verlangt oder verlangen kann. Wo dagegen der innere Imperialismus herrschender Stände aus seinem sonst nur verhaltenen Zustande rücksichtslos materialisiert heraustritt, steht das ethische Bewußtsein des Judentums diesem Imperialismus noch weit unerbittlicher gegenüber, als jedem äußeren (den übrigens gewöhnlich die gleichen Schichten vertreten). Ursprünglich rein religiös, hat sich dieses Bewußtsein im Laufe der Zeiten vielfach von seinen Quellen losgelöst; und doch besteht es vielleicht gar noch verstärkt dort, wo das aussöhnende religiöse Moment in den Hintergrund getreten ist. Irgendwie überwunden ist der von jeglichen Moralkriterien freigelöste Imperialismus, ungebändigter Wille zur Macht auf der einen, unterwürfige Anbetung der bloßen Macht auf der anderen Seite, im Leben der Völker der Erde jedenfalls nicht. Solange dies aber der Fall ist, spielt das Judentum — ungewollt, ungedankt, ungeduldet — die strenge und quälende Rolle des Gewissens der Menschheit. Die jüdische Volksmasse als solche hat mit solchen universalethischen Tendenzen und Zusammenhängen gewiß nichts zu tun. Abertausende in ihr leben den dumpfen Schritt des täglichen Fortfristens, schlecht und recht, emsig und hoffnungslos, mitunter tief gesunken und verwildert. Das Ganze jedoch lebt in einem stärksten eigenen sittlichen Bewußtsein, dessen Schwergewicht ganz nach innen gekehrt ist 15*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.