Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Imperialismus und Judentum
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Moritz Bileski: (naiv nach dem jüdischen Volksinnen vor allem). Den Dingen der großen sozialpolitischen Welt und dem großen Spiel der Mächteverschiebungen steht dieses Volk fremd und abweisend gegenüber: aus Schwäche und Furcht nach der verbreitetsten Meinung jener Welt selbst, aus ethischreligiösen Instinkten nach dem Wissen der tiefer Schauenden. Aus diesem Boden nun und seiner bestimmenden Geschichte wachsen die freieren Menschen auf, die das verborgene Bewußtsein des Volkes, selbst unbewußt zumeist, in der Welt vertreten, und jedem zum Selbstzweck erhobenen Imperialismus, jedem materialisierten Machtwillen leidenswillig und trotzig die Stirne bieten. Wo ihr Empfinden und Denken im Staatlichrechtlichen nach Ausdruck sucht, werden sie dann zu tieferen Begründern und Wortführern selbst der konservativsten Richtungen (Disraeli, Stahl, Jellinek), von innen heraus deren imperialistische Neigungen mäßigend und zu strengerem Gesetze richtend. Wo ihr Erleben stärker und aggressiver vom immer bedrohten Recht der Schwächeren ausgeht, werden sie oft zu flammenden Verkündern des ewigen Kampfes um die Gerechtigkeit, ja zu Demagogen (Heine, Lassalle, Marx, die beiden ersten dabei Aristokraten durch und durch). Selten nur verdichtet sich hier die Natur zu weithin sichtbaren Gestalten höherer Menschlichkeit, zu starken und richtunggebenden Persönlichkeiten; aber auch im vereinigten Werke der Vielen, die, jeder an seiner Stelle, den Willen zum Recht und zu Ausgleich schaffendem Geiste im breiten Leben der Völker nach allen Richtungen hin wachhalten, spiegelt sich die unverwüstliche Kraft des jüdischen Menschenglaubens. Dieser Glaube wird vielleicht den unaufhörlichen inneren und äußeren Krieg der Menschheit als nahezu notwendige Realität des Lebens anerkennen; niemals aber ist ihm dieser Krieg, wie dem Imperialismus, die ultima ratio, ein letztes Wort und ein letzter Grund der Dinge. Herman Glenn DIE DEUTSCHEN JUDEN IN DER DEUTSCHEN POLITIK I. In diesen Zeiten, in denen die Politik den Inhalt des menschlichen Lebens breiter und tiefer erfüllt als je, ist es von Interesse, das Verhältnis der deutschen Juden zur Politik festzustellen und zu bewerten. Klarheit über das verwickelte, aus vielfarbigen Einflüssen und Anschauungen zusammengesetzte Gebilde muß für den deutschen Politiker von Wichtigkeit sein, der mit den Kräften des deutschen Judentums zu rechnen hat, mit der Art, wie sie wirken und wie sie geleitet werden können. Und ebenso muß der Jude, dem jüdische Zukunftsmöglichkeiten am Herzen liegen, diesen Angelegenheiten Bedeutung beimessen, die wesentliche Aufschlüsse über jüdische Zustände, Möglichkeiten und Notwendigkeiten enthalten. Eine Betrachtung des gegenwärtigen politischen Zustandes der deutschen Judenheit läßt zunächst einen allgemeinen, die Grundstimmung wiedergebenden Zug erkennen. In der Regel wählt der Jude, er liest eine politische Zeitung und hält deren herkömmliche Urteile für vorkommende Fälle bereit. Trotzdem kann ihm — immer