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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 210

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Imperialismus und Judentum
Date
1916-07-01
Page
210 (sequence 2)
Language
German
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210 Herman Glenn: schaft, ist uns als Vorwurf nicht selten entgegengehalten worden. Solcher Unterstellung braucht nicht erst ernstlich erwidert zu werden, wenn auch natürlicherweise jene Vergröberung in stofflicheren Gemütern unter dem Volke manchmal vorkommen mag, oder der und jener kanonischen Stelle auf gezwängt werden kann. Wesentlich muß uns dagegen sein, welche wahreren Umstände die grimmige Eifersucht der imperialistischen Elemente gegen alles Jüdische schüren; weshalb der Geist des Judentums ihre Kreise so empfindlich stört, daß sie zumeist nur ein blindes Wüten als Antwort darauf finden. Rein völkische, rassische, wirtschaftliche Gründe genügen hier nicht, wie sie ja selbst nur Niederschläge allgemeiner geistiger Potenzen sind; der geistige Gegensatz allein ist hier entscheidend. Allen Nationen der kulturellen Völkerwelt gleich nahestehend, kann das gesamtjüdische Empfinden nur relative Einstellung zu den bestimmten nationalen Ideologien haben, wie sehr auch der einzelne Jude seinem Vaterlande gegenüber, von dessen Kultur er atmet und lebt, innerlich gebunden sein muß und dieser Bindung im Falle der Not alles andere restlos zu opfern hat. Auch wo der Jude das absolute freudige Sichselbstbejahen des ihn einschließenden Heimatvolkes aus voller Überzeugung mitlebt, vergißt er zumindest im Unterbewußtsein das Verhältnis zum Allgemeinmenschlichen, zum Abstraktethischen — das für ihn nie ein Abstraktum ist — nicht. ,,Mein Vaterland, mein Volk über alles, und wenn darob die übrige Menschheit ihre Rechte verlöre" — dieses berauschend elementare und ungestüme Gefühl kennt der Jude nur mit einer unüberwindlichen Abschwächung. Ihm gibt die Menschheit die höhere Schranke ab, und dies allein wäre schon Grund genug zu einer endgültigen Ablehnung seitens der reinen Imperialisten. Das Übernationale — nicht, wie man so häufig meint, das Internationale — ist dem Juden eingeboren, es liegt ihm unverwüstlich im Blute und im Geiste, er kommt nicht davon, nicht darüber hinweg. Demgemäß ist sein Miterleben an der Entwicklung des Heimatlandes weit mehr ein nach der inneren Seite dieser Entwicklung gerichtetes, die äußeren Machtbewegungen nur wenig berührendes. An der inneren Entfaltung des Vaterlandes, seiner geistigen Kultur, seiner sozialen Schichtung, seines Wirtschaftslebens hängt das stärkste Fühlen, das gesteigerte Interesse des jüdischen Menschen. Weit intensiver als alle universalhistorischen Beziehungen und Kämpfe zwischen den Staaten und Völkern bewegen ihn diejenigen innerhalb der gesellschaftlichen Gliederung dieser Völker, zumal seines Heimatvolkes, selbst. Hier ist er mit allen Fasern des Wesens ein Sohn seines alten Volkes, auch wenn er es nicht weiß und gar nicht will; hier vertritt er notwendigerweise den ethischen Standpunkt, auf dem der nationale Grundton des Judentums liegt, die soziale Bedeutung des Judentums im Weltganzen beruht: die Gleichheit aller Menschen vor Gott, wie sie am reinsten der Psalm offenbart — „Götter seid Ihr und Söhne des Höchsten Alle" (82, 6). Selbstverständlich hat jene Gleichheit nichts mit der demokratisch-politischen gemein, und wenig nur mit der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz; sie läßt sich als Grundstimmung auch bei noch so autoritären, sogar autokratischen Staatsformen denken. Durch das Christentum ist dieser Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen vor Gott in das Bewußtsein der Völker des Abendlandes eingegangen — selbstgeboren, autochthon, dominierend ist er dennoch nur im Judentum allein. Die natürliche Gliederung der anderen Kulturvölker gründet sich überall auf die ausgesprochene

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