Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1916)
- Article
- Imperialismus und Judentum
- Date
- 1916-07-01
- Page
- 209 (sequence 1)
- Language
- German
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IMPERIALISMUS UND JUDENTUM Unsere Zeit gehört mehr den ordnenden und erzieherischen als den gebärenden und bildnerischen Kräften an. Aus dieser Strömung erwuchsen den großen Nationen Führer zu ihrer Selbstbesinnung und Erkenntnis, jeder großen Nation gaben Stimmen aus der Tiefe Weisungen ihres tieferen Seins. Der Expansion nach außen gesellte sich so diejenige von innen hinzu, und nahezu ausnahmslos bedingten und bejahten sich beide auch gegenseitig in immer steigendem Maße, die ideelle Abgrenzung des inneren Wesens führte zu der Forderung imperialistischer Machtentfaltung im Namen der bestimmenden Idee selbst. Die nationalen Ideologien gingen dann regelmäßig in die Breite, zugleich immer mehr an Tiefe verlierend; die hingerissenen Worte der wenigen Verkünder fanden Nachhall in immer deutlicher sich abgrenzenden Schichten der Gebildeten und Gebietenden, bis die allseitig maßlos überschäumenden materiellen Ansprüche der Völker dauernd zu gewaltsamen Lösungen zu treiben begannen. Eine restlose Verwirklichung von irgendwelcher Welthegemonie, und sei sie noch so sehr zum Wohle der unbedingt ablehnenden Menschheit gedacht, hat sich indessen von jeher als ein Truggebilde erwiesen: an dieser Klippe scheiterte einst der Islam, schwächte sich für Jahrhunderte hinaus das päpstliche Rom wie früher noch das machtvoll imperatorische, zerschellten die weithin ausschauenden Würfe eines Napoleon. Doch eben dadurch werden die mächtigsten Triebe der mächtigen Nationen heilsam wiedereingeschränkt, wird die Verinnerlichung ihres Eigenlebens zwingender ermöglicht: denn nichts kann der tief empfundenen Sendung eines Volkes böseren Abbruch tun als eine starke Umbiegung solchen Empfindens nach der äußeren Machtseite hin. Es ist nicht zu verkennen, daß jeder Imperialismus nur ein materialisierter Ausdruck der dynamischen Dehnung der natürlichen Kräfte einer Nation ist, die in einem großen Staatsgebilde Verkörperung und Vertretung gefunden haben. Er ist nicht so sehr reiner Machtwille, den nur eine große Idee weltbewegend erzeugen kann, und der als Ding an sich jener tiefsten Vitalität im Gesamtsein der Menschheit entbehrt, die ihm neuzeitliches Denken zuweisen wollte; er ist mehr Machtnotwendigkeit und Machtsehnsucht, die nur die zeitlosen ideellen Beweggründe der nationalen Berufung gegen deren zeitliche Verwirklichung zurückdrängt. Der ideelle Imperialismus ist für eine große Nation unvermeidlich; vermieden werden kann nur jene deutliche Betonung seiner gewaltsamen Natur, die den edlen Kern der nationalen Ideologie zerstörend angreifen muß. Leicht schließt der auf so ganz anderen Voraussetzungen fußende imperialistische Fremde, daß der niemals erlöschende Glaube des Judentums an seine religiöse Auserwähltheit ebenfalls machthaberische Tendenzen verberge. Sogar die jeden gläubigen Juden mit Abscheu erfüllende Umdeutung der messianischen Hoffnungen nis Zeitliche, in eine grobe materielle Verwirklichung grober materieller Weltherr- Heft 4. I5