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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 8 · p. 377

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 8
Article
Der Expressionist Leopold Krakauer
Date
1919-01-01
Page
377 (sequence 4)
Language
German
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Der Expressionist Leopold Krakauer 377 an der Schöpfungstille vorbei auf den Markt führe, ist deine Fremdheit geschwunden, denn du fürchtest nicht mehr betrogen zu sein. Aber es kommt die Stunde der Stille, da du die Jämmerlichkeit deiner zweck-verbundenen Augen erkennst, und wenn du nicht eben von dieser Blindheit lebst, wirst du ein wenig Herz für aufrechte Zweckferne behalten. So entzieht sich jede neue Kunstrichtung der Wertung durch die Menge. Ist nicht vielleicht das der ganze Grund ihres absonderlichen Getues? Es sind viele, das will ich gerne glauben, die sich von außen her anschließen, um sich der eigenen und fremden Beurteilung zu entziehen. Aber gibt es im Menschlichen ein rechtes Beginnen, an das sich nicht Vorteilsüchtige anklammerten? Siehe doch das Gezücht im Spülicht, darein die wahren, echten, großen, alten und jetzigen Meister, die alle ganz aus der wahren Demut um die Dinge schufen, ihre Pinsel wuschen, siehe doch, wie sie darin jämmerlich herumplätschern. Die teilen sich nun in zwei Lager. Die einen sehen eine neue Möglichkeit, neues Spülwasser zu befahren, die andern aber wettern, zetern und schwören, sie allein hätten die Symbole der bildenden Kunst, lebenslänglich gepachtet. Aber außerhalb dieser beiden Lager stehen die wahren Meister, die stummen. Seien es die Meister der Darstellung, die wissentlich oder unwissentlich zu allen Dingen, auch den Zweckdingen, nur auf den Wegen über den Abgründen des chaotischen Tieres gehen, allein oder von Gottes Engeln geführt, oder die Meister der Demut, die schweigend den heiligenden Geist erkennen, der Brüdern gebietet. Darum sehe ich in Krakauers Kunst nicht so sehr die „neue Richtung" als den Ausdruck der einen, unteilbaren Kunst, die in neuen Symbolen spricht, weil die alten allzu fett geworden sind. Sie wird auch die Kraft haben, wenn es an der Zeit ist, alte Symbole zu erneuen. Wie schön mag die Zeit gewesen sein, da es noch Völker gab. Da war der Künstler der eine Große, der des Volkes Geist zu Bild schuf, und das Volk stand vor seinem Werke, wie vor Erlösung. Das Volk hatte sich im Werke geoffenbart Heute aber gibt es nicht mehr Volk und Völker. Nur Masse, Menge und einsame Einige. Die Masse schreit nach Reproduktion und liebt nur den Wettlauf, den Menschenhand und Menschenaugen mit dem einen, blöden, toten Glasauge des Photographenapparates unternimmt. Und die besoldeten Meister der Mehrheitskunst streichen ihre Farben wie Honig der kunstwidrigen Menge ums Gesicht. Dies ist die Demokratie, Volksherrschaft ohne Volk. Die Revolution in der Kunst ist die Revolution gegen die geistwidrige Masse. Wahre Revolution in der politischen Welt wird auch nur Neuschöpfung von Volk aus der Masse durch die Gewalt des Geistes sein. Denn wäre die Mehrheit Träger des Geistes, wozu noch Revolution? — Ich will nun noch insbesondere von einem Zyklus von Zeichnungen Krakauers sprechen, die den Titel „Schöpfungswege" tragen, weil sie mich unmittelbar wie jüdisch-mystische Schau ansprechen. Was ich aber hierüber sage, ist die allersubjektivste Darstellung, denn nur diese vermag Wirkliches zu enthalten. Der Zyklus besteht aus 21 Bildern. Auf den ersten Eindruck würde man ihre Reihenfolge für Willkür oder Zufall halten, allmählich aber schließen sich die Formen zu Symbolen und die Symbole ergeben eine Schöpfungsgeschichte. Eine atemlange Schöpfungsgeschichte. Als wäre ich zwischen Atemholen und Atemholen immer wieder dem Chaos verfallen, aus dem ich mich

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