Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Der Expressionist Leopold Krakauer
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 376 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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376 Elijahu Rappeport: segnete sie zuvor. Darum: Wie und was ihr auch von den Malern als Personen und den Bildern und ihrer „Qualität" zu denken gelernt habt, erkennet den festen Griff des sehnsüchtigen Geistes, der, der leeren Symbole satt, nicht eine neue Sprache sucht, sondern seine urewige Sprache erneut wissen will. Aber — in welche Winde lege ich meine Worte! Werdet ihr doch, die Bescheid wissen, weil sie sich stets auf die glatten Bahnen des Zweckhaften bescheiden, meine abgeleitete Sprache nicht besser verstehen, als den unmittelbaren Ruf des Geistes aus der Schau jener Bildwerke. So soll mein Suchen, mit Worten jenen Weg bis zum Abgrund zu begleiten, doch dich einen grüßen, der sich den Augenblick erhalten hat, da er die Zweckwelt aus lockeren Bändern schuf, die er noch in jedem Augenblick zerreißen kann. Weißt du um die Demut der Dinge, deren keines Ich und Du sagt? Dann weißt du auch um die Vermessenheit, die zu den Dingen Eins und Viel, Groß und Klein, Rund und Eckig sagt, die sich nicht nach dem Sinn richtet, wenn sie Dinge schafft und Dinge enteint, sondern nach Zwecken. Denke nur, du sagst Fünf zu den fünf Dingen aus Holz, nimmst Leim und sagst Eins zu dem Tisch. Da verzerrt das abgründige Ungeheuer sein Antlitz zu gräßlichem Gelächter, denn du hast den Geist Gottes, der drohend und gestaltend über ihm schwebt, mächtiger verraten, als es das chaotische Widertier mit all seiner Kraft könnte. Höre nun, jene rufen dir zu: „Höre ihn nicht, denn du willst auf dem Tisch heute Gutes essen!" Und ich sage dir: „Ich kann dir gar nichts Gutes versprechen, denn aus meiner Besinnung kannst du nur zu Gottes Freiheit, nie aber zu sattem Fett gelangen." Ich rate dir, wähle das satte Fett, denn anders würdest du, wie jene Meister, die fest auf dem Boden stehen, Gottes Freiheit für das nahrhafte Lob der kunstfeindlichen Masse verkaufen. Was aber hat jene Vermessenheit und jene Demut mit den Bildern Krakauers zu tun? Auch er will Gottes Freiheit, n\uß Gottes Freiheit verlassen, um zu den fünf Dingen Eins und dem einen Fünf zu sagen, aber der Sinn seiner Einung und Scheidung soll nicht der Zweck der Dingbildung zu glatter Übersicht sein, sondern er will sich den Sinn und das Gesetz aus dem Wesen der künstlerischen Aufgabe selbst finden und nicht aus dem Gesichtspunkt des zweckgerichteten täglichen Lebens. Er will so rein in Gottes Freiheit stehen, wie die Musik es kann, die nicht Vertrag mit den Zwecken des Alltags hat. Es ist darum bei manchem „Expressionisten" das Mißverständnis zu sehen. Dieser und jener hat den Ruf nicht aus seinem Sinn, sondern aus seiner Äußerung entnommen und hat nur die Dinge der Zweckhaftigkeit in wirre Teile gelegt, die er einzeln wieder zusammenfügt War Gestaltungskraft dabei, so mag das Werk nun schön sein, aber es ist nicht aus jenem innersten Ruf des Geistes geboren. Denn Mißachtung der Zweckdinge ist nicht, was der Geist meinte, Ehrfurcht und Demut, die bis an den Grund der Dinglichkeit überhaupt geht, war allein gemeint. Nicht die Auflehnung gegen die alten Symbole, die Schöpfung neuer ist es, die zwar nicht aus allen, aber aus vielen jener Bilder unzweideutig, klar und ewig spricht. Aber ermiß, was ich von der Zweckverbundenheit gesagt habe. Du weißt es selbst, daß Zweck mit dem Wesen der künstlerischen Darstellung nichts zu tun hat, und dennoch, so du eine Skala der Wertung findest, wirst du erleichtert aufatmen, denn die Lust nach Wertung ist größer in dir als die Bereitschaft zum Schauen. Hand aufs Herz, wenn ich dich mit einer solchen Skala der Wertung