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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 8 · p. 375

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 8
Article
Der Expressionist Leopold Krakauer
Date
1919-01-01
Page
375 (sequence 2)
Language
German
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Der Expressionist Leopold Krakauer 375 und so ist das Exil dem jüdischen Wesen so wesentlich geworden, wie etwa die Heimat dem Deutschen. Wenn ich im folgenden von der Richtung des Expressionismus allgemein spreche, so bezieht sich, was ich sage, in besonderem Sinne auf die Malerei Krakauers. Jüdische Malerei bedarf zwar, um jüdisch genannt zu werden, nur menschlicher Wahrheit; gestaltet sich aber in irgendwelchem jüdischen Werke noch besonders das jüdische Exil und die jüdische Erlösungssehnsucht, so gewinnt es ein neues Interesse bei uns, das letzten Endes mit dem Werk als Kunsterscheinung nichts mehr zu tun hat. So ist es auch bei den Bildern Krakauers. Haben wir ihr Wesen einmal erfaßt, so scheint es uns jüdisch, weil es wesentlich ist; merken wir darüber hinaus das Gestalthaft. Historische daran, so gewinnt dies ein neues, aber nicht mehr malerisches Interesse. Der Expressionismus ist nicht darin neu, was ihm, wie der Kunst als Malerei überhaupt, wesentlich ist, aber es muß daran erinnert werden, denn nur von innen her werden wir ihm ganz gerecht werden. Wo immer Kunst neu, das heißt wesenhaft war, da ging das Schauen, vom Schaffenden gewußt oder ungewußt, als malerisches Dichten gleiche Bahnen. Aber die Werke der sogenannten alten Schule gestatten nicht nur die Verwechslung von, Zweck und Wesen, sie beruhen zum Teil darauf, daß der Beschauer wissentlich diese Verwechslung vollzieht, während unbewußt das Werk des Künstlers ihn wandelt In diesem Sinne ist darsellende Kunst überhaupt Betrug. So, wenn etwa ein Bildner den Auftrag erhielt, ein Götzenbild zu bauen, konnte es geschehen, daß er ohne Wissen und Wollen Gott selber darstellte, weil das Werk Wesen bekam und der gläubige Beschauer, der dem Götzen zu dienen kam, versank in der Schau des Kunstwerkes zu Gott. Aber auch, wo der wahrhafte Maler etwa eine Kuh malte. Ihm und dem Beschauer gemeinsam ist das Zweckding Kuh; daß der Beschauer aber, in der Meinung eine Kuh zu sehen, von der künstlerischen Kontemplation bewältigt wird, dieser Betrug ist der Kunst wesentlich. Gegen diese Verwechslung wehrt sich der Expressionismus, indem er von dem Beschauer Bewußtheit verlangt. Die Verwechslung, daß der kunstferne Beschauer die glatten Bahnen der Reproduktion liebt, wenn er ein Bild sieht: „Zum Greifen und Herausschneiden!" Kunst und Künstler aber geht es nicht um die glatten Wege der Reproduktion, sondern um die immer und ewig rauhen, abgründigen Wege der Schöpfung. Schöpfung! Das ist nicht ein Wort, das dem biblischen Mythos entlehnt ist, sondern es ist die Wirklichkeit des Urmythos, wo immer es im Künstlerischen wahre Schöpfung gibt. „Gottes Geist über dem Angesichte des abgründigen Ungeheuers!" das ist ewig das Atemholen der schaffenden Kunst. Daß das Werk durch die Schau des chaotischen Ungeheuers durchgegangen, aus dem Brand eines geheiligten Geistes geglüht ist, das allein macht es zum Werk, zum Wesen. Dieses also hat Menschengeist jenen Neuerern, den Expressionisten, aufgegeben, daß sie den abgrundreichen Weg von der Schau des chaotischen Ungeheuers bis zum Zweckding des täglichen Lebens nicht mit jener Leichtfertigkeit durch längstgewohnte Formeln des Schauens umgehen. Denn es gibt so gut Formeln des Schauens, wie es Formeln des Denkens oder der Gedankenlosigkeit gibt. Menschengeist in seiner unerbittlichen Gestalt und bildfreien Wirklichkeit hat ihnen aufgetragen, den Abgrund mit liebenden Fingern in die Arme zu schließen und mit ihm zu ringen und nicht von ihm zu lassen, es sei denn, er

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