Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Unser Weg zur Kunst
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 373 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Unser Weg zur Kunst 373 Man denke weiter an die Erscheinung des Daniel: „Seine Throne wie Feuerflammen, die Räder daran wie feurige Glut... Myriaden von Myriaden stehen vor ihm." Man vergegenwärtige sich das Gesicht des Jesaja: „Da sah ich den Herrn sitzen auf hohem und erhabenem Thron, und seine Schleppen erfüllten den Raum." Oder aus der Offenbarung Johannes: „Und der da saß, glich von Ansehen einem Jaspis und sardischen Stein, und rings um den Thron war ein Regenbogen gleich wie Smaragd von Ansehen." Verwandt mit diesen erscheinen auch die Bilder des Hohenliedes: „Wie der Turm Davids dein Hals gebaut zur Waffenburg, tausend Schilde hängen daran, lauter Heldenharnische." „Deine zwei Brüste wie zwei junge Rehe, der Hindin Zwillinge, die unter Rosen weiden." „Sein Haupt ist feinstes Gold .. . Seine Wangen wie ein würziges Beet, gleich Türmen von Wohlgerüchen seine Lippen, Rosen träufelnd, fließende Myrrhe, seine Hände goldene Ringe mit Chrysolith besetzt. . . Seine Schenkel Marmorsäulen, gegründet auf goldenem Fußgestell, seine Gestalt wie des Libanon." „Deine Nase wie ein Turm auf Libanon schauend nach Dammesek. Dein Haupt auf dir ist dem Karl gleich und die Locken deines Hauptes wie Purpur." Aber hierhin gehört auch der grandiose Versuch eines Volkes (in der im übrigen so bildhaften Schöpfungsgeschichte), in Worten, deren Bildwert nichts sein kann, deren rhythmischer Wert alles sein muß, seine Empfindung des Zustandes zu malen, in dem sich die Erde vor der Erschaffung alles Irdischen befindet. Welcher Künstler könnte aus allen diesen Attributen ein Bild der Wirklichkeit schaffen? den Jüngling, dessen Hände wie goldene Ringe; die Tiere wie feurige Kohlen brennend wie Fackeln? Wer könnte den gestalten, der von Ansehen einem Jaspis und sardischen Stein gleicht? wer den Widersinn eines Regenbogens gleich wie Smaragd abbilden? und wer das Bild des Weibes zeichnen, dessen Haupt dem Karmel gleicht, dessen Locken wie Purpur? Wer würde es wagen, einen Thronenden so im Bilde wiederzugeben, daß seine Schleppen den Raum füllen? Die in solcher Weise zu schauen verstanden, mußten weit entfernt vom Sehen alles in Wirklichkeit Vorhandenen sein; die aber so intensiven Schauens fähig waren, müssen auch nach irgendeinem sichtbaren Ausdruck des von ihnen Geschauten gestrebt haben. Aus den Bildungen, die sie in der Wirklichkeit vorfanden, konnten sie ihre Gesichte niemals formen. Aber denen es gelang, durch Aneinanderreihung unausdenkbarer Bilder ein Gesamtbild zu schaffen, dessen Rhythmus jeden Fühlenden durchschwingt — sollten die nicht auch eine Geheimschrift haben schaffen können, die durch den Rhythmus ihrer Farben und Linien dem Auge des Beschauers einen ebenso deutlichen Eindruck vom Inhalt der Vision gibt wie sein Ohr ihn durch das gesprochene Wort empfing? Was durch Allegorien niemals einem andren mitgeteilt werden konnte — konnte ihm das nicht erschlossen werden, indem man die Form des Bildes sich völlig auflösen ließ und nur dem Rhythmus seines Lebens in symbolischen Linien und Farben folgte? Tat man aber dies, so wurde die jüdische Kunst zu einer Linienkunst gleich derjenigen der Perser, Armenier, Tunesen, Mauren. Dann wurde die Kunst der Juden eine solche, die aus eigenem Drang vom Bilde des Lebendigen fortstrebte, um das Bild des Lebensprinzips festzuhalten; die die Form von Rosen und Lilien